Stellt diversitätssensible Medizin die Gendermedizin in Frage?

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Gelegentlich wird die Behauptung aufgestellt, die Diversitätsforschung würde die Gendermedizin gefährden oder rückgängig machen. Diese Unterstellung erzeugt Unsicherheit über das Verhältnis von geschlechtsspezifischer Medizin und Diversitätsforschung im Gesundheitsbereich. Dadurch wird zudem ein Konkurrenzverhältnis unterstellt, was so in der Realität nicht existiert. Vielmehr handelt es sich, wie ich zeigen möchte, um komplementäre Bereiche, die produktiv aufeinander Bezug nehmen. An dieser Stelle sollen die Ansätze der geschlechtsspezifischen Medizin (auch „Gendermedizin“) und der diversitätssensiblen Gesundheitsforschung näher vorgestellt werden.

Vereinfacht könnte man vielleicht von zwei unterschiedlichen Schärfentiefen sprechen: Die geschlechtsspezifische Medizin oder Gendermedizin vergleicht den einen Teil der Bevölkerung statistisch mit dem anderen; hebt also vor allem auf Unterschiede zwischen Männern und Frauen ab. Die diversitätssensible Medizin versucht, in den Großgruppen nochmals feinere Abgrenzungen vorzunehmen sowie diejenigen einzubeziehen, die in die binäre Geschlechtseinteilung nicht hineinpassen. Beide bereichern also die personalisierte Medizin auf ihre eigene Weise. Diversitätsforschung meint folgend nicht nur Forschungen zu geschlechtlicher Vielfalt, sondern bezieht zudem intersektionale Perspektiven (zu Geschlecht, Alter, Ethnizität, Sexualität, Behinderung oder Herkunft) in das Gesundheitswesen mit ein. 

Gendermedizin kritisiert den Gender Data Gap

Geschlechtsspezifische Medizin wurde maßgeblich durch die Frauengesundheitsbewegung und die Forschungen der Kardiologin Marianne J. Legato in den achtziger Jahren geprägt. Ausgangspunkt war die Erkenntnis, dass Herzinfarkte bei Männern schneller diagnostiziert werden als bei Frauen, weil die Symptome bei Frauen anders verlaufen und unterdiagnostiziert bleiben. Diese Ausrichtung der Medizin konzentriert sich vorwiegend auf Geschlechtsunterschiede bei Erkrankungen. Insbesondere der Ausschluss von Frauen aus biomedizinischen Studien und daraus resultierende Datenlücken in der medizinischen Forschung – der sogenannte Gender Data Gap – wurden kritisiert. Dazu kam, dass Frauen von der Pharmaforschung zu Medikamenten weitestgehend ausgeschlossen wurden; die Pharmaindustrie bevorzugte junge Männer. Ein Grund dafür war das Risko einer Schwangerschaft und der sich verändernde Hormonspiegel, der die Datenerhebungen erschwerte. Auch waren Studieneinschlüsse von Frauen nach dem Contergan-Skandal Anfang der sechziger Jahre sehr problematisch. Das führte zu einem systematischen Ausschluss geschlechtsspezifischer Unterschiede in der Gesundheitsversorgung: dem sogenannten Gender Health Gap. 

Gendermedizin betrachtet Besonderheiten von Frauen und Männern

Die geschlechtssensible Medizin versuchte dem Gender Health Gap zunächst mit frauenspezifischen Erkenntnissen zu Krankheitsverläufen, Symptomen und Medikamentenwirkungen zu begegnen. Dadurch ist vielfach der Eindruck entstanden, es handle sich um eine Art „Frauenmedizin“, die sich ausschließlich mit dem weiblichen Körper befasse. Das greift aber zu kurz, denn geschlechtersensible Medizin beschäftigt sich auch mit der medizinischen Unterversorgung von Männern. Eine Überwindung des Gender Data Gaps bedeutet also auch, dass Daten, die typischerweise von Männern und Frauen gemeinsam betrachtet wurden, nun auch typische männliche Risikofaktoren ausweisen.

Männer werden beispielsweise viel seltener als Frauen mit Depressionen diagnostiziert. Ein Grund dafür könnte sein, dass die Erkrankung in der Gesellschaft und Medizin lange Zeit als „Frauenkrankheit“ stigmatisiert wurde. Dieser Genderbias führt dazu, dass die Major Depression bei vielen Männern unerkannt bleibt. Gleichzeitig werden sozial stärker akzeptierten Erkrankungen wie Burn-out häufiger diagnostiziert. Männer verfügen jedoch über eine dreifach höhere Suizidrate. Eine unbehandelte Depression stellt eine der Hauptursachen für Suizid dar, weswegen die Diskrepanz zwischen Diagnosehäufigkeit und Suizid bei Männern als „Depressions-Suizid-Paradox“ bezeichnet wird.

Aktuelle Forschungen zu Diversität in der Medizin

Diversitätssensible Medizin möchte weitere biologische und sozioökonomische Faktoren neben dem Geschlecht in die Forschung einbeziehen. Diversität zielt also auf die Teilhabe aller Menschen an der Gesundheitsversorgung, und das unabhängig von Geschlecht, Identität, Alter, Ethnizität oder sozialem Status. Die diversitätssensible Medizin und angeschlossene Programme sind in ihren Forschungsmethoden und Ansätzen äußerst heterogen. 

An der Ruhr-Universität Bochum leitet Professorin Marie Lilienfeld-Toal seit Juli 2023 das deutschlandweit erste Institut für Diversitätsmedizin mit dem Ziel der „gesundheitlichen Gleichstellung aller Bevölkerungsgruppen“. Der Ansatz einer kontextbewussten Medizin fokussiert dort auf Geschlecht und Geschlechtsidentität und bezieht den sozioökonomischen Status als Faktor in die Forschungen ein.

Deutschlandweit haben sich Fachbereiche und Kliniken zu einem Arbeitskreis Diversitäts- und Individualmedizin zusammengeschlossen. Dort möchte man den „Erkenntnisgewinn zum Einfluss von individuellen Faktoren auf den Verlauf, die Therapierbarkeit und das Management von Krebserkrankungen“ erforschen.

Einen ähnlichen Perspektivwechsel schlägt auch der Sonderforschungsbereich „Sexdiversity“ an der Universität zu Lübeck vor, der das biologische Geschlecht als Zusammenspiel unterschiedlicher Ausprägungen auf der Ebene der Gene, Chromosomen, Keimzellen, Hormone oder äußeren Geschlechtsmerkmale erforscht und dabei auch den Einfluss gesellschaftlicher Kontexte berücksichtigt. Am SFB „Sexdiversity“ werden unter anderem biomedizinische Grundlagenforschungen zu Varianten der Geschlechtsentwicklung (DSD), zu Frühgeborenensterblichkeit und der koronaren Herzkrankheit in diversitätssensibler Weise durchgeführt. In letzterem Projekt sollen Risikofaktoren für kardiovaskuläre Krankheiten identifiziert und Risikofaktoren jenseits binärer Geschlechtskategorien aufgeschlüsselt werden. Auch der Gender Data Gap spielt hier eine wichtige Rolle.

Gender Health Gap und Barrieren im Gesundheitssystem abbauen

Das übergeordnete Ziel der diversitätssensiblen Medizin ist, gesundheitliche Ungleichheiten wie Gender Data Gap und Gender Health Gap zu verkleinern. Die Erweiterung des Blicks führt dazu, dass die aktuelle personalisierte Medizin besser auf individuelle Einflussfaktoren für Erkrankungen reagieren kann. Diversitätssensible Medizin und Programme zu Diversität im Gesundheitswesen profitieren also von den Erkenntnissen der geschlechtsspezifischen Medizin und konkurrieren nicht mit ihr.

Juliane Scholz

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