Epistemische Ungerechtigkeit in der Gesundheitsversorgung von trans* und nichtbinären Personen: Eine Analyse von Vorstellungen von Detransition im medizinischen und gesellschaftlichen Diskurs

Trans*, inter* und nichtbinäre Personen sind im Gesundheitswesen mit zahlreichen Hürden konfrontiert. Diese reichen von erschwertem Zugang zu spezialisierten medizinischen Leistungen und langen Wartezeiten über aufwendige Begutachtungsverfahren und bürokratische Hürden bis hin zu unzureichend sensibilisiertem Gesundheitspersonal und Diskriminierungserfahrungen (Schüttler, 2026).

In diesem Blogbeitrag möchten wir auf ein weiteres Problem aufmerksam machen: epistemische Ungerechtigkeit gegenüber trans* und nichtbinären Personen. Der Begriff bezeichnet Formen von Ungerechtigkeit, die Menschen in ihrer Eigenschaft als Wissende betreffen. Sie entstehen, wenn Personen aufgrund struktureller Machtverhältnisse darin benachteiligt werden, ihre Erfahrungen zu verstehen, zu beschreiben und anderen mitzuteilen (Fricker, 2007). Wir diskutieren diese Problematik am Beispiel der Detransition. Detransition bedeutet, dass Personen ihre Transition oder einzelne Aspekte dieser wieder rückgängig machen, zum Beispiel juristische (Personenstand ändern), soziale (Pronomen) oder medizinische (Absetzen einer Hormontherapie) Aspekte.

Detransition ist immer wieder Gegenstand öffentlicher Kontroversen und wird häufig von transfeindlichen Akteur*innen herangezogen, um Einschränkungen geschlechtsaffirmativer Gesundheitsversorgung zu rechtfertigen (Myerscough et al., 2024; Schneider-Reuter et al., 2026). Wir diskutieren im Folgenden unsere eigenen Forschungen, die in Myerscough et al. (2024) und Schneider-Reuter et al. (2026) veröffentlicht wurden, im Kontext aktueller Entwicklungen. Wir argumentieren, dass das verbreitete Verständnis von Detransition in Gesundheitsversorgung und Forschung von drei miteinander verknüpften, vereinfachenden Narrativen geprägt ist. Diese verbreiteten Annahmen schränken die Möglichkeiten ein, differenziert über Transition und Detransition zu sprechen und sie angemessen zu verstehen.

Darüber hinaus möchten wir epistemische Ungerechtigkeit im Gesundheitswesen in Beziehung zu aktuellen politischen und gesellschaftlichen Debatten setzen. In den letzten Jahren waren trans* Personen zunehmend Angriffen rechter Akteur*innen ausgesetzt, mit messbaren gesellschaftlichen Auswirkungen. So zeigen die Daten der Leipziger Autoritarismusstudie, dass etwa 40-45% der Gesamtbevölkerung transfeindliche Einstellungen vertreten (Decker et al., 2024). Es besteht das Risiko, dass sich die Zunahme transfeindlicher Einstellungen auch negativ auf die Gesundheitsversorgung von trans* und nichtbinären Personen auswirken könnte.

Auch trans* und nichtbinäre Jugendliche in Deutschland beobachten diese Entwicklungen mit Sorge: Teilnehmende an der Studie „Zwischen Fremd- und Selbstbestimmung. Zur Lebenssituation von trans* und nichtbinären Jugendlichen und jungen Erwachsenen in Deutschland“ äußerten die Befürchtung, dass der Zugang zu medizinischen Maßnahmen für trans* und nichtbinäre Personen in Deutschland künftig stärker eingeschränkt werden könnte, ähnlich wie in den USA (Stemmer et al., 2024).

In diesem Kontext spielt Desinformation eine besondere Rolle. Bereits 2021 wies die Europäische Union darauf hin, dass queere Menschen Ziel von Desinformationskampagnen sind, die darauf abzielen, durch die gezielte Täuschung der Öffentlichkeit Ressentiments gegenüber queeren Personen und Organisationen, die ihre Rechte verteidigen, zu fördern (Strand & Svensson, 2021). Diese Kampagnen stehen wiederum in engem Zusammenhang mit einer zunehmenden Polarisierung der Debatten über geschlechtsaffirmative Gesundheitsversorgung und den Bestrebungen, den Zugang zu entsprechenden Leistungen einzuschränken, wie es auch zum Beispiel in den USA zu beobachten ist (Turban et al., 2022). Unter Desinformationen verstehen wir verifizierbar falsche oder irreführende Informationen, deren Verbreitung auf die Täuschung der Öffentlichkeit oder ökonomischen Gewinn abzielt und öffentlichen Schaden anrichten kann (Strand & Svensson, 2021). Desinformationen werden von Misinformationen unterschieden, die ebenfalls falsch oder irreführend sind, aber ohne die Intention der Täuschung geteilt werden.

Vor diesem Hintergrund möchten wir auf das Risiko aufmerksam machen, dass Desinformation auch medizinische Kontexte beeinflusst. Im Folgenden werfen wir zunächst Schlaglichter auf Beispiele, die den Einfluss von Desinformation über trans* Personen auf medizinische Debatten in Deutschland sichtbar machen. Anschließend analysieren wir das verbreitete Verständnis von Detransition in Gesundheitsversorgung und Forschung und zeigen, dass es teilweise mit Desinformationen kompatibel ist, die von transfeindlichen Akteur*innen verbreitet werden. Abschließend diskutieren wir, wie dieses Verständnis epistemische Ungerechtigkeiten gegenüber trans* und nichtbinären Personen begünstigen kann und welche Folgen sich daraus für die Gesundheitsversorgung ergeben.

Medizinische Diskurse unter dem Einfluss von Desinformation

1. Schlaglicht: Der deutsche Ärztetag

Der Deutsche Ärztetag gilt als das wichtigste gesundheitspolitische Forum der deutschen Ärzt*innenschaft. Als Hauptversammlung der ärztlichen Selbstverwaltung in Deutschland kommen jährlich Delegierte der 17 Landesärztekammern zusammen, um aktuelle gesundheitspolitische Fragen zu diskutieren. Aufmerksamkeit erhielt der 128. Deutsche Ärztetag aufgrund zweier kontroverser Beschlüsse mit Bezug zu trans* Personen. In dem Beschluss Ic – 48 (Bundesärztekammer, 2024) forderte der Ärztetag, dass der Zugang zu geschlechtsaffirmativen Maßnahmen bei trans* Kindern- und Jugendlichen stärker beschränkt werden sollte – entgegen den Empfehlungen der zu diesem Zeitpunkt schon vorveröffentlichten 2k-Leitlinie „Geschlechtsinkongruenz und Geschlechtsdysphorie im Kindes- und Jugendalter – Diagnostik und Behandlung“ (DGKJP, 2025). Die Betonung „irreversible[r] Eingriffe“, der „Sorge um das Kindeswohl“, das grundsätzliche Absprechen der informierten Entscheidungsfähigkeit von Kindern und Jugendlichen und das Betonen mangelnder Evidenz überschneiden sich dabei auffällig mit den Narrativen transfeindlicher Organisationen und „Gender-Kritiker*innen“ (DGKJP, 2025, S. 180). Ein zweiter Beschluss, Ic – 128, fordert den Bundestag zu einer Änderung des seit 2024 geltenden Selbstbestimmungsgesetzes auf, um auszuschließen, dass Personen unter 18 Jahren ihren Geschlechtseintrag ohne „fachärztliche kinder- und jugendpsychiatrische Diagnostik und Beratung“ ändern lassen, mit der Begründung, das Geschlecht sei eine „am Körper feststellbare und in den allermeisten Fällen eindeutig zu bestimmende, keineswegs frei verfügbare, sondern unveränderbare Realität“ (DGKJP, 2025, S. 182–183).

Gegen diese Beschlüsse richtete sich ein offener Brief von Ärzt*innen, Psycholog*innen und Psychotherapeut*innen, die in der Versorgung trans* Personen tätig sind. Darin wird hervorgehoben, dass Geschlechtsinkongruenz gemäß WHO keine psychische Störung darstellt und bereits in der ICD-11 nicht mehr als Krankheit eingestuft wird. Gleichzeitig wird betont, dass Jugendlichen mit Geschlechtsinkongruenz oder -dysphorie der Zugang zu einer bedarfsgerechten medizinischen Versorgung offenstehen muss (Trans-Gesundheit, 2024b). Ein weiterer offener Brief richtet sich gegen die Verbreitung von Desinformationen im Deutschen Ärzteblatt (Trans-Gesundheit, 2024a).

Beim folgenden 129. Deutschen Ärztetag ein Jahr später setzte sich ein Beschluss mit entgegengesetzter Stoßrichtung durch. So warnte der Beschluss Ic – 157 davor, dass transaffirmative Gesundheitsversorgung in Zeiten von Desinformationen instrumentalisiert werden könne und betonte die ärztliche Verantwortung in der evidenzbasierten Begleitung geschlechtsaffirmativer Versorgung (Bundesärztekammer, 2025). Damit zog der Ärztetag bewusst eine Verbindung zwischen medizinischer transaffirmativer Praxis und der Aktualität von Desinformationskampagnen sowie politischer Instrumentalisierung.

2. Schlaglicht: Die Tagung der Society for Evidence-Based Gender Medicine (SEGM) im September 2025 in Berlin

In Deutschland organisieren sich in den letzten Jahren zunehmend Räume, die sich über eine vermeintliche Nähe zu Wissenschaft und Medizin inszenieren und dabei transfeindliche und pseudowissenschaftliche Diskurse aufgreifen und verstärken. Ein Beispiel dafür ist die an Wissenschaftler*innen und Kliniker*innen gerichtete Tagung „Youth Gender Distress: Etiologies, Ethics, Evidence, and Psychotherapy“ der „Society for Evidence-Based Gender Medicine“ (SEGM), die im September 2025 in Berlin stattfand. Dabei handelt es sich nicht, wie man aufgrund des Namens meinen könnte, um eine medizinische Fachgesellschaft, sondern um eine Organisation, die durch NGOs wie das Southern Poverty Law Center (SPLC, 2023) oder die Deutsche Gesellschaft für Trans*- und Inter*geschlechtlichkeit e.V. (dgti) als transfeindliche Hassorganisation eingestuft werden (Kost, 2025).

Organisationen wie die SEGM sind in ein internationales Netzwerk von Gruppierungen eingebettet, die transfeindliche Ressentiments schüren und auf die weltweite Einschränkung der Rechte von trans* Personen sowie der genderaffirmativen Gesundheitsversorgung abzielen (Kost, 2022, 2025; SPLC, 2023). Sie betonen gezielt Unsicherheiten in der Evidenzlage, um dadurch wissenschaftliche Erkenntnisse zu verzerren.

Darüber hinaus bemüht sich die SGEM auch um wissenschaftliche Einflussnahme. So sponserte die SGEM Wissenschaftler*innen der Universität Manchester, um ein systematisches Review über die Evidenz geschlechtsaffirmativer medizinischer Maßnahmen zu erstellen. Auf Basis des Reviews argumentierte sie anschließend, dass geschlechtsaffirmative Versorgung verboten oder eingeschränkt werden solle, da die Evidenz für diese Interventionen unzureichend sei. Die verantwortlichen Autor*innen haben sich in der Zwischenzeit gegen die Auslegung ihrer Forschungsergebnisse in dieser Form gewehrt. Laut den Autor*innen habe die SGEM ihre Ergebnisse missrepräsentiert und den falschen und ethisch unvertretbaren Schluss gezogen, es solle Kliniker*innen verboten werden, genderaffirmative Versorgung anzubieten (Guyatt et al., 2025).

Die Konferenz der SGEM wurde von Organisationen wie dem LSVD+ – Verband Queere Vielfalt (LSVD+, 2025) oder dem Bundesverband Trans* (BVT*, 2025) scharf kritisiert. Die dgti kritisierte die Anwesenheit von Dr. Klaus Reinhardt, dem aktuellen Präsidenten der Bundesärztekammer, der bei der Konferenz als Auftaktredner auftrat, besonders scharf (dgti, 2025).

Diese beiden Beispiele zeigen, dass medizinische Diskurse Ziel von Desinformationskampagnen werden können und dies zunehmend auch in Deutschland zu beobachten ist. Gleichzeitig wird die Verantwortung von Fachgesellschaften, Mediziner*innen und Wissenschaftler*innen deutlich, sich mit diesen Entwicklungen kritisch auseinanderzusetzen.

Detransition als diskursives Machtwerkzeug

Innerhalb der Debatten um geschlechtsaffirmative Gesundheitsversorgung sowie in Desinformationskampagnen nehmen Detransitionen eine zentrale Rolle ein. Unter Transition wird ein individueller Prozess verstanden, in dem trans* Personen soziale, medizinische und/oder rechtliche Schritte unternehmen, um ihre Lebenssituation stärker mit ihrer Geschlechtsidentität in Einklang zu bringen. Dazu können beispielsweise Veränderungen von Namen und Pronomen, geschlechtsaffirmative Hormontherapien oder Operationen sowie rechtliche Personenstandsänderungen gehören. Detransition bezeichnet demgegenüber das Beenden, Pausieren oder Revidieren einzelner oder mehrerer Aspekte einer Transition (Queeres Netzwerk Niedersachsen e.V. & Landesfachstelle TRANS 2023).

Detransition wird im öffentlichen und teilweise auch im medizinischen Diskurs häufig stark vereinfacht durch drei miteinander verknüpfte Narrative gerahmt: als negatives Behandlungsergebnis, als Ausdruck klinischen Versagens und als Folge von Reue. Rowan Hildebrand-Chupp (2020) zeigt, dass viele Studien vor allem Detransitionsraten und Prädiktoren für Detransition untersuchen und Detransition dabei implizit als unerwünschtes klinisches Outcome verstehen. Häufig wird daraus abgeleitet, dass vorausgegangene geschlechtsaffirmative Maßnahmen eine Fehlentscheidung gewesen sein müssen. Zugleich wird Detransition vielfach mit Reue gleichgesetzt: Forschung fokussiert häufig auf die Vermeidung von „regret“ und behandelt Reue als zentrales Problem geschlechtsaffirmativer Versorgung (Expósito-Campos et al., 2023; Hildebrand-Chupp, 2020; K. R. MacKinnon et al., 2021). Besonders deutlich wird diese Perspektive in einer Zusammenstellung ethischer Fragen im Kontext geschlechtsaffirmativer Medizin, in dem Reue als eine der schwerwiegendsten möglichen Folgen geschlechtsaffirmativer Behandlungen bezeichnet wird: „After suicide, regret could be considered one of the worst possible complications“ (Bizic et al., 2018). Solche Narrative prägen die Wahrnehmung von Detransition und können dazu beitragen, die Vielfalt von Detransitionserfahrungen auf Vorstellungen von Fehler, Scheitern und Reue zu reduzieren.

Aktuelle Untersuchungen zu Desinformationskampagnen von transfeindlichen Gruppierungen legen nahe, dass Detransitionsnarrative häufig instrumentalisiert werden, um dafür zu argumentieren, transaffirmative Gesundheitsversorgung einzuschränken (Hatewatch Staff, 2026; Myerscough et al., 2024). Eine Kommunikationsstrategie besteht darin, einzelne Biographien von Personen nach einer Detransition hervorzuheben und als Beleg für die in transfeindlichen Kreisen beliebte Theorie der ‚sozialen Ansteckung‘ von trans* zu deuten – oft in Zusammenhang mit Verschwörungstheorien, laut derer LGBTQ-affirmative Kontexte auf die Verbreitung von trans* abzielen (Hatewatch Staff, 2026). Dabei operiert die transfeindliche Ideologie auch mit der Idee des Kinderschutzes vor solchen, als schädlich dargestellten, Einflüssen.

Demgegenüber zeichnet neuere Forschung ein deutlich differenzierteres Bild von Detransition als es die Narrative von Fehler, Scheitern und Reue nahelegen. Studien zeigen, dass Detransition nicht mit Reue und medizinischen Fehlentscheidungen gleichgesetzt werden sollte. So berichten Personen nach einer Detransition auch von einer neutralen oder sogar positiven Beziehung zu ihrer früheren Transition (Expósito-Campos et al., 2023). Auch bedeutet Detransition nicht zwangsläufig eine Rückkehr zum bei der Geburt zugewiesenen Geschlecht; viele Personen identifizieren sich weiterhin als trans* oder entwickeln komplexere Formen geschlechtlicher Selbstverortung (MacKinnon et al, 2022a; MacKinnon et al., 2022b).

Darüber hinaus sind die Gründe für Detransitionen äußerst vielfältig. Ein Literaturreview identifizierte rund fünfzig unterschiedliche Faktoren, darunter psychologische, medizinische, soziale, kulturelle und ideologische Gründe – von einer fluiden Geschlechtsidentität über Diskriminierungserfahrungen bis hin zu medizinischen Nebenwirkungen oder Fertilitätsfragen (Expósito-Campos et al., 2023). Die Einschätzung, dass eine Transition nicht die richtige Entscheidung gewesen sei, stellt dabei nur einen möglichen Grund unter vielen dar. Entsprechend zeigte eine qualitative Studie von MacKinnon und Kolleg*innen (2022b), dass die Mehrheit der befragten Personen nach einer Detransition keine Reue über ihre frühere geschlechtsaffirmative Behandlung angab. Insgesamt deutet die aktuelle Evidenz darauf hin, dass Detransitionen komplexe, heterogene und bislang nur unzureichend erforschte Lebensrealitäten darstellen (MacKinnon et al., 2023)

Dies spiegelt sich auch in aktuellen medizinischen Leitlinien wider. Die aktuellen Standards of Care der World Professional Association for Transgender Health enthalten erstmals Empfehlungen zur multidisziplinären Begleitung von Personen mit Detransitionsanliegen (Coleman et al., 2022). Dabei wird betont, dass sich Bedürfnisse im Hinblick auf Geschlecht, Körper und soziale Rolle im Lebensverlauf verändern können. Sowohl Transition als auch Detransition können legitime Wege darstellen, um eine größere Übereinstimmung zwischen Geschlechtsidentität, Körper und Lebenssituation zu erreichen (Coleman et al., 2022). Die Leitlinie weist zudem ausdrücklich darauf hin, dass Detransitionsentscheidungen nicht zwangsläufig mit Reue über frühere geschlechtsaffirmative Maßnahmen verbunden sind. Damit steht sie im Kontrast zu vereinfachenden Darstellungen, die Detransition primär als Ausdruck von Fehlentscheidungen oder Bedauern interpretieren.

Dies steht im scharfen Kontrast zur aktuellen Begutachtungsrichtlinie für geschlechtsangleichende Maßnahmen des Medizinischen Dienstes der Krankenkassen in Deutschland (MDS, 2020). Die Richtlinie betont die Notwendigkeit, Entscheidungen für medizinische Transitionen möglichst umfassend abzusichern und empfiehlt ausdrücklich, „das Risiko für Bedauern („regrets“) und Retransitionen [sic] zu minimieren“ (MDS, 2020, S. 21). Damit reproduziert die Richtlinie die Narrative des klinischen Versagens und der Reue und trägt dazu bei, Detransition vor allem als zu vermeidendes Risiko und weniger als einen möglichen, komplexen und legitimen Bestandteil individueller Geschlechtsbiografien zu verstehen.

An dieser Stelle können wir festhalten, dass der medizinische Diskurs vielerorts von vereinfachten Narrativen über Detransition geprägt ist, die diesem komplexen Phänomen nicht gerecht werden. Diese Narrative sind zum Teil anschlussfähig an Desinformationskampagnen transfeindlicher Akteur*innen und könnten durch diese unterstützt werden. Wie wir im Folgenden zeigen, können diese zu negativen Folgen für trans* und nichtbinäre Personen im Gesundheitswesen führen. Wir charakterisieren diese Folgen mithilfe des Begriffs der epistemischen Ungerechtigkeit.

Detransition und epistemische Ungerechtigkeit

Um soziale Erfahrungen zu verstehen und mitzuteilen, sind Menschen auf gemeinsame Begriffe, Konzepte und Deutungsmuster angewiesen. Die Philosophin Miranda Fricker bezeichnet es als hermeneutische Ungerechtigkeit, wenn gesellschaftlich verfügbare Deutungsmuster nicht ausreichen, um die Erfahrungen marginalisierter Gruppen angemessen zu erfassen (Fricker 2007). Solche „Lücken“ in den kollektiven Interpretationsmöglichkeiten können dazu führen, dass Betroffene ihre eigenen Erfahrungen nur schwer einordnen oder anderen verständlich machen können. Ungerecht wird dies dann, wenn die betroffenen Gruppen aufgrund gesellschaftlicher Machtverhältnisse nur begrenzten Einfluss darauf haben, welche Begriffe und Konzepte in Wissenschaft, Medien oder Politik geprägt werden. Übertragen auf Detransition bedeutet dies: Wenn Detransition überwiegend durch die Narrative von Reue, Fehlentscheidung und klinischem Versagen verstanden wird, fehlen häufig die sprachlichen und konzeptuellen Mittel, um die Vielfalt und Komplexität von Detransitionserfahrungen angemessen zu beschreiben und zu kommunizieren.

Diese dominierenden Narrative über Detransition erzeugen mehrere Leerstellen im Verständnis von Detransitionserfahrungen. Erstens können sie Detransitionen, die Teil eines individuellen Entwicklungs- und Findungsprozesses sind, nur unzureichend erfassen. Die Forschung zeigt, dass manche Personen Detransition nicht als Korrektur einer Fehlentscheidung, sondern als Bestandteil eines nicht-linearen Weges der geschlechtlichen Selbstfindung verstehen (Expósito-Campos et al., 2023). Entsprechend wird teilweise von „alternativen Transitionswegen“ gesprochen, um Anpassungen, Unterbrechungen oder Richtungswechsel sichtbar zu machen (Queeres Netzwerk Niedersachsen & Landesfachstelle TRANS* 2023). Zweitens reduzieren die Narrative die Vielfalt emotionaler Erfahrungen auf das Motiv der Reue. Tatsächlich berichten viele Personen nach einer Detransition von ambivalenten Gefühlen oder auch von Wertschätzung für frühere Transitionsschritte, selbst wenn diese sich langfristig nicht als passend erwiesen haben (Expósito-Campos et al., 2023). Neben Reue können etwa Trauer, Schmerz, Isolation oder widersprüchliche Gefühle eine Rolle spielen (Hildebrand-Chupp 2020; Expósito-Campos et al. 2023). Drittens verdecken die Narrative die große Bandbreite möglicher Gründe für eine Detransition. Neben individuellen Faktoren spielen medizinische, soziale und strukturelle Bedingungen eine wichtige Rolle, darunter Diskriminierung, fehlende Unterstützung durch Familie oder Partner*innen sowie Erfahrungen von Transfeindlichkeit im Alltag und im Gesundheitswesen (MacKinnon et al. 2022b; Turban et al. 2021; Expósito-Campos et al. 2023). Wird Detransition primär als Folge einer Fehlentscheidung verstanden, geraten diese Kontexte aus dem Blick und notwendige Unterstützungsbedarfe bleiben unsichtbar (Hildebrand-Chupp 2020).

Diese Leerstellen im Verständnis von Detransition entstehen nicht zufällig, sondern stehen im Zusammenhang mit der historischen und gegenwärtigen Marginalisierung von trans* Personen. Über viele Jahrzehnte wurde Transgeschlechtlichkeit in Psychiatrie und Medizin primär als psychische Störung verstanden, wodurch trans* Personen vor allem als Gegenstand medizinischer Begutachtung und weniger als Expert*innen ihrer eigenen Erfahrungen wahrgenommen wurden (Faissner et al., 2025). Die Philosoph*innen Miranda Fricker und Katharine Jenkins (2017) argumentieren, dass trans* Personen deshalb lange kaum Einfluss auf die Begriffe und Konzepte hatten, mit denen ihre Erfahrungen beschrieben und bewertet wurden. Auch heute ist die gleichberechtigte Beteiligung von trans* Personen an Gesundheitsforschung und Wissensproduktion nicht selbstverständlich, obwohl partizipative Forschungsansätze zunehmend empfohlen werden (Faissner & Günther, 2026; Quinn & Hancock, 2023).

Fazit: Mögliche Auswirkungen auf die Versorgungspraxis

Diese Verzerrungen in der Darstellung von Detransition können konkrete Auswirkungen auf die Interaktion zwischen Patient*innen und Behandler*innen haben. Denn wenn Detransition primär als negatives Outcome verstanden wird, kann dies dazu führen, dass medizinische Entscheidungsprozesse vorrangig auf das Vermeiden von Reue und Detransition ausgerichtet werden. Die Sorge vor einer späteren Detransition kann dadurch die Entscheidungsfindung dominieren. Darauf müssen auch Patient*innen reagieren. Sie sehen sich beispielsweise dazu veranlasst zu versichern, dass sie sich wirklich „ganz sicher sind“ oder stereotype Annahmen über trans* Personen bestätigen, etwa die Erwartung einer „gegengeschlechtlichen Identifikation“, die durch die Transition verwirklicht werden soll (Schneider-Reuter et al., 2026). Dies kann dazu beitragen, dass Zweifel nicht geäußert werden, ambivalente Gefühle nur reduziert dargestellt werden und relevante Informationen zurückgehalten werden, etwa über autonome Hormoneinnahme oder einen Wunsch nach Elternschaft. Werden solche Erfahrungen oder Wünsche dennoch angesprochen, können dominante und vereinfachende Narrative dazu führen, dass Fachkräfte sie nicht angemessen einordnen oder verstehen und es dadurch zu Einschränkungen beim Zugang zu medizinischen Leistungen kommt.

Die in diesem Beitrag diskutierten Debatten über Detransition sind daher nicht lediglich wissenschaftliche Kontroversen. Sie prägen die Bedingungen, unter denen im Gesundheitswesen Wissen über trans* Lebensrealitäten produziert, vermittelt und angewendet wird. Transfeindliche Akteur*innen, die Desinformationen als Fakten inszenieren, bemühen sich auch in Deutschland zunehmend um Einfluss auf medizinische Diskurse. Wie wir gezeigt haben, können Desinformationen vereinfachende und unzureichende Vorstellungen von Detransition unterstützen und dadurch epistemische Ungerechtigkeiten gegenüber trans* und nichtbinären Personen verstärken.

Für trans* und nichtbinäre Personen ist ein affirmativer Umgang im Gesundheitswesen zentral, um offen über Bedürfnisse, Wünsche, Unsicherheiten und Sorgen sprechen zu können. Ein solcher kommunikativer Rahmen erfordert von Behandler*innen neben klinischer Kompetenz auch die Bereitschaft, die eigenen Wissensgrundlagen kritisch zu reflektieren und auf einen möglichen Einfluss von Desinformation und vereinfachenden Narrativen zu prüfen. Eine angemessene Versorgung setzt deshalb voraus, sowohl medizinisches Wissen als auch die Bedingungen seiner Entstehung und Anwendung kontinuierlich zu prüfen und weiterzuentwickeln.

Mirjam Faissner und Lydia Schneider-Reuter

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Trans-Gesundheit. (2024b). Stellungnahme spezialisierter Behandler*innen zu den Beschlüssen Ic – 48 und Ic – 128 des 128. Deutschen Ärztetages 2024. https://trans-gesundheit.de/brief-aerztetag-24/

Beitragsbild: Nadav Spiegelman/Wikicommons

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