Die Geschichte von Cheryl Chase

Leben in einer Welt, die nur zwei Geschlechter kennt: Die Geschichte von Cheryl Chase

Der folgende Gastbeitrag von Sophie Charlott Kriedemann beleuchtet die ethischen, medizinischen und sozialen Dimensionen von Intergeschlechtlichkeit, hinterfragt normative Vorstellungen von Geschlecht und diskutiert die Konsequenzen frühkindlicher medizinischer Eingriffe. Der Beitrag ist eine gekürzte und revidierte Version ihres Essays, das im Rahmen eines Ethikseminars im Sommersemester 2025 an der Universität zu Lübeck entstanden ist.

Aufwachsen in einer binären Welt

Die meisten Menschen wachsen in einem binären Geschlechtersystem auf: Es gibt „Mann“ und „Frau“. Diese Vorstellung entspricht weit verbreiteten gesellschaftlichen Normen.
Doch dieses System ist keine neutrale Gegebenheit. Intergeschlechtliche Menschen fallen aus dem binären Raster und bringen eigene Erfahrungsperspektiven auf Geschlecht und Körper mit. Ein besonderer Fall ist der von Cheryl Chase, der im Folgenden zentral behandelt wird.

Auch aktuell spielt Geschlechtervielfalt vielfach eine politische Rolle: So hat sich eine internationale Anti-Gender-Bewegung herausgebildet, die unter anderem Butler 2024 in ihrem Buch Who’s Afraid of Gender? beschreibt. Dabei wird Geschlechtervielfalt häufig mit gesellschaftlichen Unsicherheiten verknüpft und als Ursache für verschiedene Probleme sowie als Bedrohung dargestellt. Bislang wirkt in der Gesellschaft die Vorstellung einer „natürlichen“ Zweigeschlechtlichkeit weiterhin dominant (Sharpe, 2024).

Medizinische Normierung von Intergeschlechtlichkeit

Darüber hinaus gibt es auch im Bereich des biologischen Geschlechts Ausprägungen, die in der Gesellschaft, den Medien und im Bewusstsein vieler Menschen unsichtbar gemacht werden, weil sie sich nicht eindeutig als männlich oder weiblich einordnen lassen. Infolgedessen wurden (und werden) die Körper von intergeschlechtlichen bzw. inter* Menschen an das binäre System angepasst, durch Operationen und Eingriffe, die häufig viel zu früh in der Kindheit stattfanden, ohne dass die Betroffenen ihre Einwilligung dazu hätten abgeben können. Heute zeigt sich eine Entwicklung hin zu medizinischen Leitlinien und rechtlichen Bestimmungen, die frühe geschlechtsangleichende Operationen beim Kind untersagen, wenn sie nicht gesundheitlich notwendig und nicht aufschiebbar sind . So argumentiert auch der Europarat in seiner Richtlinie „Recommendation on Equal Rights for Intersex Persons“ aus dem Jahr 2025.

In Deutschland verbietet zudem der § 1631e BGB gesundheitlich nicht notwendige und aufschiebbare Operationen beim Kind. Die Rede ist hier von Intergeschlechtlichkeit, Varianten der Geschlechtsentwicklung oder DSD (Differences of Sex Development). DSD ist ein Sammelbegriff für verschiedenste Diagnosen und körperliche Zustände. Lee et al. (2016) schätzen die Häufigkeit von DSD – einschließlich Kryptorchidismus und Hypospadien, die nicht immer dazugezählt werden – auf 1:300 bis 1:200. Das entspricht beinahe der Häufigkeit von roten Haaren in Deutschland (Henss, o. J.). Aber im Gegensatz zur Haarfarbe ist DSD/inter* für die anderen Menschen nicht sichtbar und auch ein tabuisiertes Thema, da es von Genitalien und Sexualität handelt. Unsichtbar bleibt damit auch das kollektive Leid, das in vielen Ländern durch Zwangsoperationen, Pathologisierung und gesellschaftliche Ausgrenzung Realität ist. Es braucht eine breite Aufklärung in der Bevölkerung, nicht nur im medizinischen, sondern ganz besonders im gesellschaftlichen Kontext.

Das vorherrschende binäre Geschlechtersystem verhindert die Anerkennung von Vielfalt, obwohl diese biologisch schon immer ein Teil der menschlichen Existenz war. Es erzeugt eine Vorstellung von „Normalität“, die Menschen ausschließt und ihnen die Möglichkeit nimmt, uneingeschränkt am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen. Dabei wird sichtbar, dass medizinische, rechtliche und soziale Praktiken aktiv daran beteiligt sind, die Grenzen des „Normalen“ zu ziehen und damit festzulegen, wer dazugehört und wer nicht oder nur, wenn er oder sie – wie im folgenden Fall – entsprechend angepasst wird.

Körpergeschlecht ist vielfältig: Der Fall Cheryl Chase

Dass Geschlecht noch weitaus vielfältiger sein kann, hatten auch die Eltern von Cheryl Chase (heute bekannt als Bo Laurent) nicht erwartet, als ihr Kind 1956 mit nicht-eindeutigen Geschlechtsmerkmalen zur Welt kam. Der Fall Cheryl Chase steht stellvertretend für viele inter* Menschen, ist aber zugleich ein besonderer Fall, da Chase später eine führende Inter*-Aktivistin wurde. Bereits bei der Geburt herrschte bei den behandelnden Ärzt*innen Uneinigkeit über die Zuordnung des Geschlechts. Sie legten zunächst das männliche fest und die Eltern gaben ihrem Kind den Namen Brian (Weil, 2006). Etwa 18 Monate lang wurde Chase als Junge großgezogen, dann gab es erneut medizinische Untersuchungen, um das „wahre“ Geschlecht des Kindes herauszufinden, und die ursprüngliche Entscheidung wurde revidiert. Ärzt*innen befanden, dass der vorhandene sogenannte Genitalanhang, welcher zur ersten Geschlechtsbestimmung führte, als Penis „zu kurz sei, um den männlichen Status wirksam zu kennzeichnen“ (Chase, 1998), das Kind jedoch mit inneren weiblichen Geschlechtsorganen potenziell empfängnisfähig wäre. Die Eltern stimmten daraufhin einer Operation zu, bei der die Genitalien umfassend rekonstruiert und dem weiblichen Geschlecht angepasst wurden, und nannten ihr Kind fortan Bonnie.

Waren die Eltern hinreichend über Intergeschlechtlichkeit informiert? Haben sie von den Ärzt*innen ausreichende Beratung erfahren? Sie vertrauten jedenfalls den ärztlichen Empfehlungen: Sie änderten Namen und Lebensumfeld des Kindes und wiesen Familienmitglieder an, es künftig wie ein Mädchen zu behandeln. Damit schufen sie ein Familiengeheimnis, von dem niemand, einschließlich Cheryl Chase selbst, jemals erfahren sollte. So kam es, dass auch ein Krankenhausaufenthalt im Alter von acht Jahren zur Entfernung der inneren männlichen Geschlechtsorgane und darauffolgende Untersuchungen für Chase ohne Erklärung blieben (Chase, 1998).

Die Ungereimtheiten hörten mit dem Einsetzen der Pubertät und der ersten Periode zunächst scheinbar auf, denn damit bestätigte sich die Geschlechtsidentität des Mädchens für Eltern und Mediziner*innen. Für Cheryl Chase hingegen begann eine neue Leidensgeschichte: Es folgte eine Jugend, in der sie oft traurig war und sich irgendwie „anders“ als andere Gleichaltrige fühlte, ohne es näher benennen zu können. Zwar hatte man ihr mit zehn Jahren mitgeteilt, man habe ihre „zu große“ Klitoris operiert (Weil, 2006), doch nur durch spätere Erfahrungen, Einblicke in ihre Krankenakten im Alter von Anfang zwanzig und eigene Recherchen erkannte sie, dass bei diesem Eingriff sowohl ihre Klitoris als auch Teile der innere Schamlippen entfernt worden waren und ihr damit die Fähigkeit, Orgasmen zu bekommen, genommen worden war (Chase, 1998).

Sie entdeckte zudem, dass sie nach dem damaligen Diagnoseschema offenbar intergeschlechtlich war (in der Folge als inter* bezeichnet), und musste erfahren, wie sich andere Menschen von ihrer Geburt an das Recht herausgenommen hatten, über ihren Körper zu urteilen, Entscheidungen zu treffen und ihn aktiv durch operative Eingriffe zu verändern – darunter vor allem Mediziner*innen und ihre Eltern. Letztere handelten zwar in dem Glauben, im besten Interesse ihres Kindes zu handeln, standen gleichzeitig jedoch in der Verantwortung, dessen körperliche Selbstbestimmung zu schützen.

Chase erlebte, wie ihr als Kind wie vielen anderen inter* Personen kaum eigenes Interesse zugesprochen wurde: Die Eltern waren nicht angehalten, sich in die Perspektive des Kindes hineinzuversetzen, sondern sollten lediglich dessen „Wohl“ gewährleisten.

Die problematische Rolle von Mediziner*innen bei geschlechtsangleichenden Maßnahmen an nicht-einwilligungsfähigen Kindern

Eine medizinische Indikation für eine Operation, wie bspw. Harnabflussstörungen, bestand weder im Fall von Cheryl Chase noch bei vielen anderen inter* Kindern. Stattdessen existierten vielfältige, nicht von medizinischer Indikation gestützte Motive für solche Eingriffe, welche nicht nur das Kind, sondern die ganze Familie betrafen. Ein Neugeborenes mit intergeschlechtlichen Merkmalen brachte Verunsicherung in die betroffenen Familien und löste Angst vor Stigmatisierung aus, gepaart mit dem Wunsch nach gesellschaftlicher Normalität. Außerdem wollten Eltern das Kind vor Mobbing, sozialer Isolation und späterer psychischer Belastung, ausgelöst durch Scham aufgrund der eigenen „Andersartigkeit“, bewahren. Das sind Befürchtungen, die auch medizinisch als soziale Krise des Kindes und der Familie galten. Sie waren eng verbunden mit der Annahme einer binären Geschlechterordnung, wie sie in den Forschungen John Moneys „Optimal Gender Policy“ (OGP) der 1950er-Jahre geprägt wurde: Man ging davon aus, dass die Geschlechtsidentität durch eine frühe Zuordnung mit der entsprechenden Erziehung und anpassenden Operationen formbar und erlernbar wäre (Krämer & Sabisch, 2019) – zum vermeintlichen Schutz des Kindes.

Obwohl viele solcher Operationen an inter* Kindern mit John Moneys OGP begründet wurden, dienten seine Theorien nicht immer als Richtschnur. Oft basierten Eingriffe auf Einzelfallentscheidungen: ohne elterliche Zustimmung, nach chirurgischer Machbarkeit (in 90% der Fälle weiblich; Chase, 1998) oder Präferenz und Sorgen der Eltern (Janett, 2023). Unabhängig von der Begründung fehlte jedoch stets die Zustimmung der betroffenen Kinder. Die irreversiblen physischen und psychischen Schäden, wie im Fall von Cheryl Chase der Verlust sexueller Empfindungsfähigkeit und jahrelange Depression, wiegen für viele Betroffene in der Rückschau schwerer als die vermeintliche Ausgrenzung, die damit verhindert werden sollte. Solche Erfahrungen wurden allerdings systematisch ausgeblendet, Daten und Studien wurden ignoriert, verzerrt dargestellt oder gar nicht erst erhoben. Obwohl die Geschlechterfrage von inter* Kindern in die Hände von Mediziner*innen gelegt wurde, gibt es bis heute zu wenige Studien, die den Erfahrungshorizont der Betroffenen und ihr Erleben von Intergeschlechtlichkeit nachvollziehen und dokumentieren. Das soziologische Projekt von Martina Jürgensen im SFB „Sexdiversity“ ist eine dieser aktuellen Studien.

Der Weg zum Intersex*-Aktivismus und sein Einfluss

Erst der Intersex*-Aktivismus, der seit den 1990er-Jahren in den USA entstand und später auch in anderen Ländern Fuß fasste – angestoßen von Betroffenen wie Cheryl Chase –, sowie darauffolgende politische Initiativen stellten die Praxis früher geschlechtsangleichender Eingriffe infrage. Sie forderten insbesondere, medizinische Maßnahmen nur auf Grundlage einer informierten Einwilligung zuzulassen und systematisch Daten zu den Langzeitfolgen solcher Eingriffe zu erheben.

1993 gründete Cheryl Chase die erste Vereinigung von inter* Personen, die Intersex Society of North America (ISNA). Dadurch fanden sich Intergeschlechtliche erstmals als Gemeinschaft. Das war 15 Jahre nachdem Chase ihre eigene Intergeschlechtlichkeit entdeckt hatte. Die Zwischenzeit war nach ihren Aussagen geprägt von tiefer Scham und Isolation.

„At that time, intersexuals had not yet been heard from, and there was little reason to think that physicians or other members of their culture would ever reflect on the meaning or effect of what they were doing. The advent of an activist intersex opposition changes everything.“ (Chase, Hermaphrodites with Attitude, 1988, S. 208)

Nach außen war Cheryl Chase eine erfolgreiche Geschäftsfrau, doch innerlich fühlte sie sich wie ein „Freak“, unfähig Liebe zu geben oder anzunehmen, gequält von ihrer sexuellen Dysfunktion. Beim Versuch, sich Unterstützung bei Psycholog*innen oder Freund*innen zu holen, stieß sie auf Unverständnis und Ablehnung. Es schien ihr unmöglich, Frieden mit ihrer Situation zu schließen, und in ihrer Einsamkeit wurde sie zudem suizidal (Chase, 1988).

Die Organisation hatte zunächst hauptsächlich das Ziel, inter* Menschen zusammenzubringen und eine unterstützende Gemeinschaft für sie zu bilden. In den folgenden Jahren wurde aber auch die Öffentlichkeitsarbeit immer bedeutender, um die tabuisierte Intergeschlechtlichkeit zu thematisieren. Durch Medienarbeit wie den Newsletter „Hermaphrodites with Attitude“ und öffentliche Proteste machte die ISNA ihre Thematik einem breiteren Publikum bekannt. Sie nutzte das damit wachsende Interesse, um politische Forderungen nach Abbau von Stigmata, Einwilligungen der Betroffenen selbst bei Eingriffen (bei echter medizinischer Indikation) oder einem Verbot dieser und evidenzbasierten Behandlungen durchzusetzen (Hackford-Peer, 2022).

Ein wichtiger Fortschritt war das 2006 erschienene Consensus Statement on Management of Intersex Disorders, an dem Cheryl Chase mitgewirkt hat. Es führte die Terminologie „Disorders of Sex Development“ ein (heute: Differences of Sex Development) und empfahl Zurückhaltung bei frühen chirurgischen Eingriffen. Ein Novum war zudem der Einbezug verschiedener Fachdisziplinen in multidisziplinäre Teams sowie die Beteiligung von Betroffenenorganisationen an der klinischen Behandlung. Ziel war es, eine interdisziplinäre Betreuung für die Familien zu schaffen (Hughes et al., 2006).

Einige gesetzliche Fortschritte konnten sogar erzielt werden: 2015 führte Malta als erstes Land ein, dass inter* Kinder erst operiert werden dürfen, wenn sie selbst einwilligen können. In Deutschland regelt seit 2021 der § 1631e BGB, dass gesundheitlich nicht notwendige geschlechtsangleichende Eingriffe an Kindern mit Varianten der Geschlechtsentwicklung (DSD) verboten sind, um deren körperliche Integrität zu schützen (Deutscher Bundestag, Online-Dienste, 2021). 2025 verabschiedete der Europarat einstimmig eine Empfehlung, die nicht-einvernehmliche medizinische Eingriffe verbietet, die volle Gleichstellung intergeschlechtlicher Personen fordert und ihren Schutz vor Diskriminierung sicherstellt – ein weiterer Durchbruch des langjährigen Inter*-Aktivismus.

Die Macht der binären Geschlechternorm

Obwohl der Europarat klar empfiehlt, geschlechtsangleichende Operationen an nicht-einwilligungsfähigen Kindern zu unterlassen, kritisieren Aktivist*innen wie OII Europe (2025) die begrenzte Wirkung solcher Empfehlungen, da sie nur auf nationaler Ebene einklagbar und rechtlich nicht bindend sind – im Gegensatz zu gesetzlichen Verboten. In den USA gibt es keine Verbote, sondern nur Leitlinien wie der AAP Consensus Statement on Management of Intersex Disorders in aktualisierter Version, die jedoch eher eine uneinheitliche Praxis fördern und den effektiven Schutz intergeschlechtlicher Kinder erschweren. Im klinischen Alltag werden solche Eingriffe weiterhin mit dem Hinweis auf medizinische Notwendigkeit oder gestützt auf die dringlichen Bitten besorgter Eltern und mit deren Zustimmung vorgenommen. Diese Diskrepanz zwischen rechtlichen Vorgaben und tatsächlicher Praxis wirft Fragen auf: Warum muss Geschlecht überhaupt so eng definiert werden, dass es chirurgische Eingriffe rechtfertigt? Warum dürfen gesellschaftliche Normen und Ängste über die körperliche Selbstbestimmung von Kindern entscheiden?

Es könnte daran liegen, dass Geschlecht mehr ist als eine biologische Einteilung, vielmehr ein gesellschaftliches Ordnungsprinzip. Die medizinischen Eingriffe zur Geschlechtsanpassung zeigen dies: Sie dienen nicht primär der körperlichen Gesundheit, sondern der Stabilisierung der vorherrschenden Geschlechterordnung. Die Entscheidung über geschlechtsangleichende Maßnahmen an nicht-einwilligungsfähigen Kindern ist dabei selten nur eine Frage medizinischer Kriterien oder ärztlicher Ethik. Denn häufig befinden sich die Eltern in einem komplexen Spannungsfeld: Sie fürchten Stigmatisierung und Ausgrenzung, wünschen sich für ihr Kind eine möglichst unbeschwerte, als „normal“ wahrgenommene Kindheit und geraten in einen inneren Konflikt. Auch seitens der Medizin müsste geklärt werden, ob Eltern tatsächlich gleichberechtigte Gesprächspartner*innen sein können und die Funktion als Entscheidungsträger*innen für ihr Kind übernehmen sollten – also ob eine informierte Einwilligung und geteilte Entscheidungsfindung stattfinden kann.

Das binäre Ordnungsprinzip reduziert die natürliche Vielfalt von Geschlecht, indem es Menschen in scheinbar klare Kategorien einteilt, nach denen wir uns selbst ausrichten und andere einordnen können. Eindeutige Geschlechtszuordnungen stiften gesellschaftliche Zugehörigkeit, Anerkennung und Identität und erhalten dadurch eine starke emotionale Dimension. Intergeschlechtlichkeit und andere Körpervariationen können diese Ordnung ins Wanken bringen. Besonders Eltern erleben dies als Konflikt: Wo keine eindeutige Zuordnung möglich erscheint, entstehen Irritation und auch Scham, wie sie häufig von Eltern intergeschlechtlicher Kinder beschrieben werden (Chase, 1998). Dadurch wird deutlich, dass Anerkennung nur denen zu Teil wird, die eindeutig ihre im binären Geschlechtersystem definierte Geschlechterrolle einnehmen können. Alle „anderen“ Zustände galten lange und gelten noch als „Abweichungen“, nicht aber als positive, „lebbare“ Rollen. Statt das gesellschaftliche Verständnis von geschlechtlicher Vielfalt zu erweitern und diese als biologische und damit auch natürliche Variation zu begreifen, werden inter* Kinder weiterhin pathologisiert, unsichtbar gemacht oder operativ „korrigiert“ – aber nicht, weil sie „krank“ sind, sondern weil sie nicht ins vorgegebene binäre Schema passen. Denn dieses Ordnungssystem sortiert nicht nur, es verteidigt eine Norm, die Menschen ausschließt, die nicht in sie hineinpassen.

Fazit: Von der Pathologisierung von inter* Körpern zu geschlechtlicher Selbstbestimmung

Die Geschichte von Cheryl Chase zeigt, wie die gesellschaftliche Fixierung auf das binäre Geschlechtersystem zur Tabuisierung und Pathologisierung von inter* Körpern führte. In den 1950er-Jahren wurde Intergeschlechtlichkeit kaum als natürliche Variation akzeptiert, sondern unter dem Vorwand, das Kind vor Stigmatisierung zu schützen – etwa durch John Moneys „Optimal Gender Policy“ –, als behandlungsbedürftige Abweichung betrachtet. Medizinisches Handeln orientierte sich dabei eher an der Aufrechterhaltung des binären Systems als am Wohl des Kindes. Cheryl Chases Eltern folgten der ärztlichen Expertise, ohne Alternativen oder kritische Aufklärung zu kennen. Operative Angleichungen waren lange Zeit die Regel und bestehen teilweise bis heute fort, obwohl sie ethisch und menschenrechtlich problematisch sind.

Selbst wenn Eltern nach bestem Wissen und Gewissen handelten, hatten ihre Entscheidungen schwerwiegende Folgen für ihre Kinder: Verlust sexueller Empfindungsfähigkeit, pubertäre Verwirrung, Depressionen und Suizidgedanken. Vieles davon begleitete Cheryl Chase ihr Leben lang. Ihr Fall verdeutlicht: Nicht inter* Körper sind das Problem, sondern ein System, das Vielfalt chirurgisch unterbinden wollte, statt Akzeptanz und Selbstbestimmung zu ermöglichen.

Charlott Kriedemann

Weiterführende Literatur:

Chase, C. (1998). Hermaphodites With Attitude – Mapping the Emergence of Intersex Political Activism. 189–211.

Deutscher Bundestag, Online-Dienste. (2021). Schutz von Kindern mit Varianten der Geschlechts­entwicklung beschlossen [Lesung]. Deutscher Bundestag. https://www.bundestag.de/dokumente/textarchiv/2021/kw12-de-geschlechterentwicklung-kinder-830122

Hackford-Peer, K. (2022). Intersex Society of North America Is Founded. EBSCO. https://www.ebsco.com/research-starters/social-sciences-and-humanities/intersex-society-north-america-founded

Hughes, I. A., Houk, C., Ahmed, S. F., & Lee, P. A. (2006, April 19). Consensus statement on management of intersex disorders. https://doi.org/10.1136/adc.2006.098319

Janett, M. (2023). DAZWISCHEN? Historische Forschung zu Intergeschlechtlichkeit und ihre Perspektiven. Landesstelle für Gleichbehandlung gegen Diskiminierung – Fachbereich LSBTI. https://www.berlin.de/sen/lads/schwerpunkte/lsbti/materialien/schriftenreihe/240322_lads-lsbti-inter-geschichte_bf.pdf

Krämer, A., & Sabisch, K. (2019). Inter*: Geschichte, Diskurs und soziale Praxis aus Sicht der Geschlechterforschung. Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH.

Lee, P. A., Nordenström, A., Houk, C. P., Ahmed, S. F., Auchus, R., Barazu, A., Baratz Dalke, K., Liao, L.-M., Lin-Su, K., Looijenga 3rd, L. H. J., Mazur, T., Meyer-Bahlburg, H. F. L., Mouriquand, P., Quigley, C. A., Sandberg, D. E., Vilain, D., & Witchel, S. (2016). Global Disorders of Sex Development Update since 2006: Perceptions, Approach and Care. In Hormone Research in Paediatrics (Bd. 85, S. 158–180). https://doi.org/10.1159/000442975

OII Europe. (2025). The Commission’s new LGBTIQ+ Equality Strategy 2026-2030: Progress Made, But Intersex Rights Overlooked.

Weil, E. (2006, September 24). What if It’s (Sort of) a Boy and (Sort of) a Girl? The New York Times. https://www.nytimes.com/2006/09/24/magazine/what-if-its-sort-of-a-boy-and-sort-of-a-girl.html

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