Im März 2026 hat das internationale olympische Komitee (IOC) neue Richtlinien für die Frauenkategorie im olympischen Sport verabschiedet. Grundlage dafür war eine umfassende Policy zum Schutz der Frauenkategorie im Sport im März 2026, in die wissenschaftliche, medizinische, rechtliche und ethische Erkenntnisse sowie Rückmeldungen von Athlet*innen eingeflossen sind. Zentrale Feststellung dieser Richtlinie ist, dass das 46,XY biologische Geschlecht in der typischen hormonellen Entwicklung in nahezu allen leistungsrelevanten Sportarten (Kraft, Ausdauer, Schnelligkeit) einen Leistungsvorteil bietet, der bereits vor der Pubertät vorhanden ist und durch die Pubertät deutlich gesteigert wird. Die Frage, inwieweit hormonelle Unterdrückung potenzielle Leistungsvorteile verändert oder ausgleicht, ist bislang nicht abschließend geklärt und Gegenstand laufender Forschung. Es ist bislang unklar, ob die Leistungsvorteile nur auf Unterschiede in den Geschlechtshormonen beruhen, oder ob auch grundsätzliche genetische Unterschiede bestehen. Dies ist für die Einordnung von Hochleistungssportler*innen mit 46,XY Varianten der Geschlechtsentwicklung (DSD=Differences of Sex Development) von besonderer Bedeutung.
Die IOC-Policy von 2026 ersetzt das 2021 veröffentlichte „IOC Framework on Fairness, Inclusion and Non-Discrimination on the Basis of Gender Identity and Sex Variations”. Letzteres legte den Schwerpunkt auf Inklusion und überließ es den einzelnen Sportverbänden, eigene, wissenschaftlich begründete Regeln zu entwickeln. Die 2023 veröffentlichten World-Athletics-Regeln waren bereits deutlich restriktiver. Sie setzen feste biologische Vorgaben, insbesondere Testosteron-Grenzwerte für Athlet*innen, und schlossen trans Frauen mit maskulinisierender Pubertät und Athlet*innen mit bestimmten Varianten der Geschlechtsentwicklung in der Regel von der Frauenkategorie aus.
Im neuen, 2026 veröffentlichten IOC-Ansatz steht Testosteron nicht mehr im Mittelpunkt. Stattdessen wird primär das genetische Geschlecht (SRY-Gen-Test) verwendet, um das biologische Geschlecht zu bestimmen. Die Begründung: Testosteronwerte seien veränderbar (z. B. durch Medikamente), das genetische Geschlecht hingegen nicht.
Das IOC betont, dass diese Regelung nicht die Geschlechtsidentität bewertet, sondern ausschließlich sportliche Fairness, Sicherheit und Integrität im Wettkampf sichern soll. Gleichzeitig bleibt betroffenen Athlet*innen die Teilnahme in anderen Kategorien (z. B. Männer- oder offene Klassen) möglich. Internationale Sportverbände müssen diese Vorgaben umsetzen, dabei aber Datenschutz, Würde und psychisches Wohl der Athlet*innen schützen sowie transparente Verfahren und Unterstützungsangebote bereitstellen.
Was bedeutet der SRY-Test?
SRY ist ein Gen, dass sich typischerweise auf dem Y-Chromosom befindet und eine essentielle Rolle bei der Entwicklung der embryonalen Keimdrüsen zum Hoden spielt, welche die Grundlage für die Testosteron-abhängige männliche Geschlechtsentwicklung bilden. Neben der embryonalen Geschlechtsentwicklung spielt Testosteron auch eine wichtige Rolle in der Pubertät und der damit verbundenen körperlichen Veränderungen. Männer haben nach der Pubertät aufgrund höherer Testosteronwerte im Durchschnitt eine stärkere und größere Skelettmuskulatur und Knochen, ein größeres und leistungsfähigeres Herz, größere Lungen sowie mehr rote Blutkörperchen und weniger Körperfett als gleich trainierte Frauen. Die Kategorisierung dieses Vorteils, dass Männer in Sportarten, die Kraft, Schnelligkeit oder Ausdauer erfordern und im Schnitt körperliche Leistungsvorteile haben, ist schwierig. Die Einordnung in die sportlichen Kategorien „Mann“ und „Frau“ soll nun anhand des Nachweises des SRY-Gens an Blutproben oder Gewebezellen festgemacht werden. Ein negativer Test führt dauerhaft zur Startberechtigung in der Frauenkategorie. Athlet*innen mit positivem Testergebnis (inkl. trans Frauen und Menschen mit Varianten der Geschlechtsentwicklung) sind von der Frauenkategorie ausgeschlossen, außer bei seltenen Ausnahmen aus dem Bereich der Varianten der Geschlechtsentwicklung, in dem eine Testosteronwirkung ausgeschlossen wurde, wie bei der vollständiger Androgenresistenz oder bei der kompletten Gonadendysgenesie, bei der sich gar keine Keimdrüsen ausgebildet haben und damit auch keine Geschlechtshormone gebildet wurden und werden.
Bei vollständiger Androgenresistenz haben betroffene Personen zwar einen 46,XY-Chromosomensatz und produzieren Testosteron, der Körper kann jedoch nicht auf Androgene wie Testosteron reagieren, weil die entsprechenden Rezeptoren nicht funktionieren. Deshalb entwickelt sich trotz des 46,XY Chromosomensatzes ein weiblicher Körperbau und ein weibliches Erscheinungsbild. Da die Androgene während der gesamten körperlichen Entwicklung keine Wirkung entfalten konnten, wird hier in der Regel kein sportlicher Vorteil gegenüber 46,XX-Frauen angenommen. Gleiches gilt, wenn die Keimdrüsen sich nicht entwickelt haben, also keinerlei Geschlechtshormone in die frühkindliche körperliche Entwicklung eingewirkt haben.
Was sind die Limitationen des SRY-Tests?
Die neuen Richtlinien versuchen, eine Lösung zu einem eigentlich unlösbaren Problem zu finden. Denn einerseits fordert der olympische Gedanke faire Voraussetzungen, andererseits beinhaltet der Gedanke, auch Menschen aus aller Welt durch Fair Play, Solidarität und Freundschaft ohne Diskriminierung in großer Vielfalt auch körperlicher Merkmale zusammenzubringen. Durch diesen Test können aber gerade Menschen diskriminiert werden, die ohnehin bereits gesellschaftlich in einer besonders verletzlichen Position sind.
Biologische Vielfalt und körperliche Leistungsfähigkeit lassen sich nicht auf einen einzelnen Gentest wie den SRY-Test reduzieren, weil Geschlechtsentwicklung, Hormonwirkung, Körperbau und sportliche Leistungsfähigkeit durch viele Gene und biologische Prozesse beeinflusst werden. Das Vorhandensein eines SRY-Gens allein sagt daher weder eindeutig etwas über den Körper einer Person noch über einen möglichen sportlichen Vorteil aus. Der SRY-Gentest gibt zudem keine Auskunft über die Funktionsfähigkeit des SRY-Gens, sondern nur darüber, ob das Gen vorhanden ist oder nicht.
Bei Frauen, die ein 46,XY Kind geboren haben, kann zudem ein fetaler Mikrochimärismus vorliegen. Dies bedeutet, dass während einer Schwangerschaft einzelne Zellen des Fötus und somit auch Anteile des Y-Chromosoms in den Körper der Mutter übergehen und dort langfristig verbleiben können. Y-Chromosomale fetale DNA kann dabei noch Monate bis Jahre im mütterlichen Blut nachweisbar sein. Hierbei kann der Nachweis in sehr geringer Menge erfolgen, ohne dass dies eine funktionelle biologische Relevanz hat.
Es sind also durchaus Variationen denkbar, bei denen Frauen positiv auf SRY getestet werden können, obwohl funktionell-biologisch keine Vorteile gegenüber 46,XX Frauen bestehen. Zudem sind alle genetischen Untersuchungen datenschutzrechtlich schwierig zu begründen und bedürfen einer sehr genauen Aufklärung und Einwilligung.
Was für Auswirkungen hat die neue Richtlinie auf Menschen mit Varianten der Geschlechtsentwicklung (DSD)?
Sport und Bewegung wirken sich grundsätzlich positiv auf Gesundheit, Wohlbefinden und soziale Integration aus. Die neuen Regelungen können jedoch eine bereits marginalisierte Gruppe weiter benachteiligen und stigmatisieren und zudem dazu führen, dass öffentliche Debatten über den Elite-Sport Betroffene davon abhalten, an sportlichen Aktivitäten teilzunehmen. Hier ist sehr klar der Hochleistungssport vom Breitensport abzugrenzen.
Gleichzeitig ist das neue Regelwerk stark vereinfachend. Eine Reduktion von Menschen allein auf das „genetische Geschlecht“ wird der allgemeinen biologischen Vielfalt nicht gerecht. Auch das körperliche Geschlecht ist multidimensional und setzt sich aus verschiedenen Komponenten zusammen, wie dem chromosomalen, genetischen und hormonellen Geschlecht, der inneren und äußeren Genitalien sowie dem gelebten und soziokulturell geprägten Geschlecht. Da Menschen mit Variationen der Geschlechtsentwicklung nicht in ein rein binäres weiblich-männlich Schema von Geschlecht fallen, kann der SRY-Test besonders diskriminierend für sie sein.
Welche alternativen Lösungsansätze wären vorstellbar?
Um Menschen mit Varianten der Geschlechtsentwicklung weiterhin die Möglichkeit zu geben, fair an internationalen Wettbewerben teilzunehmen, könnte man sich folgende Szenarien vorstellen:
- Eine Einteilung erfolgt nicht nach Geschlecht, sondern nach körperlichen Kriterien, wie Muskelmasse, Größe und Gewicht. Eine Einteilung nach Gewichtsklassen wird bei Kraftsportarten bereits praktiziert.
- Die Einführung einer dritten Kategorie, in der Menschen mit einigen Formen von DSD gegeneinander antreten können. Eine Einteilung müsste auch hier nach körperlichen Kriterien, wie Muskelmasse, erfolgen. Die Einteilung wäre allerdings ausschließend und könnte als sogenanntes „Othering“ verstanden werden.
- Menschen mit bestimmten Formen von DSD, wie mit 46,XY kompletter Gonadendysgenesie und der kompletten Androgenresistenz sollten der Kategorie der Frauen zugeordnet werden.
- Die Datenlage, in welchem Maß effektiv ein Vorteil bei unterschiedlichen Varianten der Geschlechtsentwicklung vorliegt, ist dünn. Hier braucht es mehr Forschung.
Abschließend müssen wir zugeben, dass wir keine abschließende Lösung aufzeigen können. Für Menschen und Familien mit Varianten der Geschlechtsentwicklung möchten wir auf diese Tipps hinweisen: Top Tips… for talking about sports and dsd with young people and familie
Nadine Hornig & Olaf Hiort