Den Dialog praktizieren: Molekularbiologie und Kulturwissenschaft entwickeln gemeinsam Perspektiven auf Geschlecht

Forschende der Projekte M02 und S06 v.l.n.r.: Dr. Birgit Stammberger, Dr. Xenia Steinbach, Leonie Blöbaum, PD Nadine Hornig (PhD), Prathiksha Ramesh, Zelda Wenner, Prof. Dr. Heiko Stoff, Franz-Josef Müller, Björn Brändl (Copyright: Guido Kollmeier)
Fremdheit zwischen den Wissenskulturen

Molekularbiologie trifft auf Kulturwissenschaft – und umgekehrt. Unser erstes Treffen fand in einem Besprechungsraum eines Kieler Labors für Humangenetik statt – vor genau acht Jahren. Heute arbeiten wir im SFB „Sexdiversity“ kollaborativ im Projekt S06 „Bringing Gender into Science – and Back!“ und im Projekt M02 „Programmierung transkriptioneller Identität durch Östrogene und Androgene in sich entwickelnden menschlichen Gehirnzellen“ zusammen: Wir halten gemeinsame Vorträge, schreiben Publikationen und diskutieren unsere Forschungen mit Kolleg*innen aus Wissenschaftsgeschichte, Bioinformatik, Soziologie und molekularbiologischer Geschlechtsentwicklungsforschung. Doch was kann eine Kulturwissenschaftlerin von molekularbiologischer Forschung verstehen – und warum sollten wir überhaupt zusammenarbeiten, wenn unsere Zugänge, Gegenstände, Methoden und Wissenspraktiken so unterschiedlich sind?

Forschung im Spannungsfeld von Sex und Gender

Wir kommen beide aus der Geschlechterforschung – Nadine als Molekularbiologin, Birgit als Kulturwissenschaftlerin. Geschlechterforschung praktizieren wir in unseren eigenen Disziplinen. Unsere Zusammenarbeit beruht auf vielen Jahren des Austauschs, des Dialogs und des Zuhörens – über das, was uns jeweils fremd bleiben muss: die „andere“ Disziplin. Diese Fremdheit verstehen wir nicht als Hindernis, sondern als Chance, neue Potenziale für unsere Forschungen zu erschließen.

Auf den ersten Blick scheinen sich unsere Perspektiven kaum zu berühren. Was im Deutschen „Geschlecht“ heißt, ist forschungspraktisch sehr unterschiedlich: Während die kulturwissenschaftliche Geschlechterforschung primär mit dem Konzept Gender, dem sozialen Geschlecht arbeitet, orientiert sich die biomedizinische Forschung an Sex– am körperlichen oder auch biologischen Geschlecht. Diese Differenz zeigt sich auch darin, wie Wissen generiert wird, welche Methoden wir verwenden und welche Gegenstände unsere Forschungen haben. Die Molekularbiologie produziert Wissen im Labor, Kulturwissenschaften arbeiten diskurs-, theorie- und textbasiert. Letztere untersuchen, wie Wissen entsteht, welche Begriffe und Bilder verwendet werden und wie gesellschaftliche Normen das Denken prägen.

In der Biologie werden geschlechtliche Prozesse auf der Ebene körperlicher Phänomene untersucht, wobei experimentelle Methoden und Modelle zum Einsatz kommen. Komplexe Vorgänge werden messbar gemacht und auf bestimmte Parameter reduziert, um etwa Genexpressionen, Hormonspiegel oder Zellveränderungen zu analysieren. Im Labor wird das komplexe Phänomen „Geschlecht“ also vereinfacht, um zu untersuchen, welche Faktoren bestimmte geschlechtliche Entwicklungen steuern. Mausmodelle oder menschliche Zellkulturen werden eingesetzt, um Effekte zu erzeugen und zu messen. Diese Verfahren sind technisch und methodisch anspruchsvoll, doch bilden sie nur ein kleines Puzzleteil in der Vielgestaltigkeit von Geschlecht.

Geschlecht ist weder nur Biologie noch nur Diskurs: Biologische Prozesse existieren materiell und passieren unabhängig davon, ob sie beobachtet werden. Damit sie erforschbar werden, kommen Begriffe, Technologien, Messverfahren und Modelle zum Einsatz. Diese wissenschaftliche Umsetzung – Operationalisierung – beeinflusst, welche Fragen gestellt und wie Ergebnisse interpretiert werden. Bereits die Wahl von bestimmten Begriffen schafft einen sozialen und kulturellen Bedeutungsrahmen von Wissen.

In der geisteswissenschaftlichen Geschlechterforschung bzw. den Gender Studies wird dies als „Entanglement of sex and gender“ bezeichnet. Kategorien wie „männlich“, „weiblich“ oder „divers“ lassen sich ohne gesellschaftliche Kontexte nicht verstehen. Gleichzeitig sind biologische Prozesse untrennbar in dieses Zusammenspiel eingebunden. Sprechen, Forschen und Beobachten sind stets in gesellschaftliche Bedeutungsrahmen eingebettet.

Androzentrische Wissensformen

Uns interessiert, wie männlich geprägte (androzentristische) Sichtweisen auf Wissensformen in der Biologie wirken. Ausgangspunkt waren wissenschaftshistorische Analysen der Rolle von Genen und Hormonen in der Geschlechtsentwicklung sowie feministische Wissenschaftskritiken, die zeigten, dass Wissen über Geschlechtsentwicklung lange vor allem Wissen über männliche Prozesse war. Warum wurde die testikuläre Entwicklung intensiver erforscht als die ovarielle? Solche Fragen öffnen den Blick auf das Zusammenspiel von Biologie und Kultur.

Konzepte von Weiblichkeit sind oft symbolisch mit Passivität verknüpft – eine Dimension, die sich auch in Wissenspraktiken niederschlägt: Was als „passiv“ gilt, erscheint oft weniger relevant. Bis heute sind mehr biologische Faktoren bekannt, die die männliche geschlechtliche Entwicklung steuern. „Androzentrismus“ ist dabei kein fertiges Konzept, sondern muss in Bezug auf konkrete Forschungspraktiken erarbeitet und reflektiert werden. Diese Ausrichtungen sind nicht nur kulturwissenschaftlich interessant, sondern auch biomedizinisch: Soziokulturelle Konzepte beeinflussen, welches Wissen produziert wird. Wenn androzentristische Prämissen Wissenslücken erzeugen, gilt es zu fragen, welche Wirkungen sie haben – etwa auf die Erforschung der weiblichen Geschlechtsentwicklung. Auch Sprache spielt eine große eine Rolle: Welche Folgen hat die Übertragung sozialer Kategorien wie „Frau“ oder „Mann“ auf die Beschreibung von Molekülen?

We need to talk about sex

Im Zentrum unserer Zusammenarbeit steht weniger die Frage, ‚wie viele Geschlechter es gibt‘, als die Praktiken der Operationalisierung von Geschlecht in der biomedizinischen Laborforschung. Der Austausch über diese Fragen eröffnet uns neue Perspektiven und fordert uns heraus, eigene Vorannahmen kritisch zu überdenken.

Aus den Kulturwissenschaften weiß ich (Birgit), dass biologische Aspekte in den Gender Studies lange vernachlässigt wurden. Aus biologischer Sicht haben Konzepte wie „Passivität“ Nadine nie überzeugt. Unser Zweifel richtet sich also auch auf die eigene Fachkultur – und genau darin liegt unsere Stärke: Zweifel macht Methoden, Konzepte und Theorien revidierbar.

Begriffe wie „Binarität“, „Konstruktion“ oder „Funktion“ meinen je nach Fachrichtung etwas anderes. Für die Kulturwissenschaften ist „Binarität“ ein Werkzeug, um Normen sichtbar zu machen; für die Biologie bezeichnet sie konkrete, messbare Entwicklungsprozesse. Die Herausforderung besteht darin, Konzepte zu übersetzen. Wir arbeiten auch an der Sprache, um Differenzen produktiv anzuerkennen statt zu „überwinden“.

Wir fragen nicht nur, was „Geschlecht“ ist, sondern auch, wie es im Labor praktisch umgesetzt und im Forschungskontext angewandt, in Texten dargestellt und in gesellschaftlichen Diskursen verhandelt wird. Nur durch den Austausch zwischen Disziplinen lässt sich Geschlecht in seiner Komplexität verstehen.

Nicht im luftleeren Raum forschen

Wenn wir über Geschlecht forschen, bringen wir Diskurs und Materialität, Theorie und Empirie, Kultur und Biologie zusammen. Empirische Praktiken und Theoriebildung sind immer verschränkt. Sex und Gender beeinflussen sich gegenseitig – in Modellen, Laborpraktiken und Interpretationen. In diesem Dialog entsteht eine relationale Sichtweise auf Geschlecht als Wechselwirkung biologischer, sozialer und symbolischer Prozesse.

Neue Forschungsstrukturen sind gefragt

Interdisziplinäre Forschung erfordert Zeit, Geduld und Offenheit. Sie lebt vom Aushalten von Differenzen und der dialogischen Praxis. Miteinander ins Gespräch zu kommen heißt, Begriffe zu verhandeln und Spannungen produktiv zu machen. Unsere Zusammenarbeit schafft einen Raum, Geschlecht flexibel und kontextsensibel zu beschreiben – und zugleich zu erkennen, dass Wissenschaft immer plural ist. Jenseits disziplinärer Routinen eröffnen sich neue Forschungsfragen, die die Wechselwirkungen von Sex und Gender sichtbar machen.

Denn Geschlecht – auch das biologische – ist kein starres binäres System, sondern ein Spektrum vielfältiger Merkmale.

Nadine Hornig & Birgit Stammberger

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