Für ihre Bachelorarbeit im Studiengang Psychologie an der Universität zu Lübeck hat Carlotta Behre einen systematischen Review zur Diskriminierung von nicht-binären Personen in der psychologischen Gesundheitsversorgung verfasst. Ende Juli 2026 hat sie die Abschlussarbeit unter dem Titel „Diskriminierung von nicht-binären Personen in der psychologischen Gesundheitsversorgung – Ein systematischer Review“ eingereicht. Dieser Beitrag gibt einen Überblick über ihre zentralen Fragestellungen und Ergebnisse.
Diskriminierungsfreie Versorgung als Menschenrecht
Jeder Mensch hat das Recht auf einen diskriminierungsfreien, gleichberechtigten Zugang zur Gesundheitsversorgung. Studien, die sich mit der Gesundheit von Personen der LGBTQIA+ Community auseinandersetzen, zeigen jedoch, dass queere Menschen psychisch deutlich schwerer belastet sind als heterosexuelle cis Personen. Innerhalb der Community zeigen insbesondere nicht-binäre Personen, also Menschen, deren Geschlechtsidentität sich nicht in die Kategorien „Mann“ oder „Frau“ einordnen lässt, eine höhere Häufigkeit für verschiedenste psychische Erkrankungen. In der Bewältigung solcher Belastungen kann Psychotherapie eine wichtige Ressource sein. Studien zeigen jedoch: Nicht-binäre Personen erleben durch die psychologische Gesundheitsversorgung vermehrt Diskriminierung. Was geschieht aber, wenn die medizinischen Institutionen, die als Schutzfaktor gelten sollten, selbst zum Risikofaktor für Diskriminierungserfahrungen werden?
Welche psychischen Belastungen treten bei nicht-binären Personen häufiger auf?
Der schlechtere psychische Gesundheitszustand von nicht-binären Personen äußert sich in erhöhten Prävalenzen für verschiedenste psychische Diagnosen. Die Zahlen für Essstörungen, Angststörungen, posttraumatische Belastungsstörungen, Alkoholkonsumstörungen und Depressionen sind für nicht-binäre Personen im Vergleich zu heterosexuellen cis Personen deutlich erhöht (Kidd et al., 2023b; Marchi et al., 2026; Pepping et al., 2024; Riddle et al., 2022; Tebbe & Budge, 2022). So berichten 28 bis 68 % der trans* und nicht-binären Personen in verschiedenen US-amerikanischen Stichproben von klinischen Depressionen. Die globale Prävalenz der Allgemeinbevölkerung ist deutlich niedriger, sie liegt bei 3,8 % (Pepping et al., 2024). Besonders gravierend sind jedoch die Daten im Zusammenhang mit Suizidalität. Über verschiedene Studien hinweg schwanken die Zahlen zu Suizidgedanken bei trans* und nicht-binären Personen zwischen 45 und 80 % (Pepping et al., 2024; Tebbe & Budge, 2022; Testa et al., 2017). In der Allgemeinbevölkerung liegt die Lebenszeitprävalenz für Suizidgedanken bei 13,5 % (Tebbe & Budge, 2022). Auch bei Suizidversuchen zeichnet sich ein großer Unterschied ab. Studienübergreifend berichten 28 bis 52 % der trans* und nicht-binären Personen, in ihrem Leben mindestens einen Suizidversuch unternommen zu haben (Tebbe & Budge, 2022; Testa et al., 2017). Diese Rate liegt in der Allgemeinbevölkerung bei 4,6 % (Tebbe & Budge, 2022). Die Wahrscheinlichkeit für einen vollendeten Suizid ist bei trans* und nicht-binären Erwachsenen sogar mehr als doppelt so hoch wie bei cis Personen (Tebbe & Budge, 2022).
Das bedeutet also: Nicht-binäre Personen sind psychisch signifikant stärker belastet als cis Personen. Dies äußert sich nicht allein in erhöhten Häufigkeiten für verschiedenste psychische Diagnosen, sondern auch in den erschreckend hohen Raten für Suizidversuche.
Hinweis: Die Studien, auf die sich dieser Artikel bezieht, stammen überwiegend aus den USA und wurden 2021 bis 2026 veröffentlicht. Seit diesen Datenerhebungen hat sich die politische Lage für trans* und nicht-binäre Personen in den USA jedoch deutlich verschärft (Dawson & Kates, 2026).
Was verursacht diese erhöhte psychische Belastung?
In der Fachliteratur wird diese starke psychische Belastung auf die Auswirkungen von Minderheitenstress zurückgeführt. 2003 etablierte Ilan H. Meyer das Minderheitenstressmodell, mit dem er die erhöhte psychische Belastung von lesbischen, schwulen und bisexuellen Personen im Zusammenhang mit Minderheitenstress erklärte (Meyer, 2003). Über die Jahre hinweg wurde dieses Modell von verschiedenen Autor*innen weiterentwickelt, sodass es sich mittlerweile für trans* und nicht-binäre Personen anwenden lässt (Matsuno et al., 2022; Testa et al., 2015). Das Modell unterscheidet zwischen distalen (äußeren) und proximalen (inneren) Stressoren.
Aufgrund von außen zugeschriebenen Merkmalen, beispielsweise der zugeschriebenen Geschlechtsidentität, erleben Personen bestimmte äußere bzw. distale Stressoren, beispielsweise verbale Belästigung. Diese Stressoren wirken sich direkt negativ auf die psychische Gesundheit aus. Zusätzlich verstärken distale Stressoren proximale Stressoren: Wer wiederholt Ablehnung aufgrund der Geschlechtsidentität erfährt, entwickelt vermutlich eine größere Angst davor, erneut abgelehnt zu werden. Diese Sorge, die als proximaler oder innerer Stressor bezeichnet wird, wirkt sich ebenso negativ auf die psychische Gesundheit aus. Diskriminierung, Mikroaggressionen, binäre Normativität (etwa durch amtliche Dokumente, die nur die Geschlechter „Mann“ und „Frau“ vorsehen) und auch die Last der Machtlosigkeit (beispielsweise dadurch, sich wiederholt selbst erklären zu müssen) zählen zu den distalen Stressoren, die nicht-binäre Personen besonders betreffen. Ebenso stellen soziale Aufdringlichkeit, die sich beispielsweise in invasiven Fragen durch fremde Personen äußert, und Bildungsbelastung, die Erwartung, das eigene Umfeld über nicht-binäre Identitäten aufklären zu müssen, distale Stressoren dar (Matsuno et al., 2022; Rosati et al., 2025).
Zu den proximalen Stressoren gehören unter anderem verinnerlichtes Stigma, eine negative Erwartungshaltung (also beispielsweise das Antizipieren von Diskriminierung), für manche Personen Geschlechtsdysphorie und auch das allgegenwärtige innere Aushandeln, wann und wo man sich outen kann (Johnson et al., 2024; Matsuno et al., 2022; Rosati et al., 2025). Eine Person beschreibt dieses Gefühl im Rahmen einer Studie: „Ich habe das Gefühl, nicht die ganze Zeit ich selbst sein zu können. Es fühlt sich an wie Auslöschung“ (Matsuno et al., 2022, S. 209).
Personen, die solchen Minderheitenstress wiederholt und regelmäßig erleben, tragen diese Belastung zusätzlich zu den Stressoren des Alltags, die alle Menschen erleben (beispielsweise Druck auf der Arbeit, finanzielle Sorgen oder Beziehungskonflikte).
Die ambivalente Rolle von Psychotherapie
Psychotherapie kann eine wichtige Ressource sein, wenn es darum geht, Findungsphasen, kritische Lebensereignisse und psychische Belastungen zu bewältigen. Psychotherapeut*innen können beim Weg der Exploration der Identität unterstützen, und sie können Gutachten ausstellen, die es nicht-binären Personen ermöglichen, geschlechtsangleichende medizinische Maßnahmen, wie beispielsweise eine Hormontherapie oder auch chirurgische Eingriffe, durchzuführen. Häufig wenden sich nicht-binäre Personen unabhängig von Themen im Zusammenhang mit der Geschlechtsidentität an die psychologische Versorgung, wenn es um die Bewältigung verschiedenster psychischer Probleme geht.
Unabhängig vom Anlass kann die psychologische Versorgung für nicht-binäre Personen schnell einen Belastungsfaktor darstellen. Studien zur psychologischen Versorgung von nicht-binären Personen sind sich sehr einig darin, dass nicht-binäre Personen durch die Versorgung Diskriminierung erfahren. Die Studienlage zu spezifischen Diskriminierungserfahrungen für nicht-binäre Personen ist allerdings dünn. Meist werden Studienergebnisse für binäre trans* Personen und nicht-binäre Personen gemeinsam erhoben und dann verallgemeinert, häufig unter der Abkürzung „TNB“ dargestellt. Während diese Forschung wichtig ist, werden so spezifische Ergebnisse für Personen, deren Geschlechtsidentität nicht in den binären Kategorien „Frau“ und „Mann“ liegt, ausgelassen. Da nicht-binäre Personen jedoch teilweise andere Diskriminierungserfahrungen machen als Personen, die im binären Geschlecht leben, ist auch davon auszugehen, dass sich diese Diskriminierung ebenso im Versorgungskontext äußert.
Die verfügbare Forschung stammt größtenteils aus dem englischsprachigen Raum, insbesondere Amerika. Es ist unklar, ob sich diese Ergebnisse direkt auf den deutschen Kontext übertragen lassen, da sich die gesundheitspolitische und rechtliche Lage teils unterscheidet.
Bislang existiert keine Studie, die sich spezifisch mit den Diskriminierungserfahrungen nicht-binärer Personen durch die psychologische Versorgung auseinandersetzt. Die Studien, aus denen die nachfolgenden Ergebnisse stammen, behandeln sowohl die Erlebnisse von nicht-binären Personen als auch die von binären trans* Personen. In meiner Bachelorarbeit habe ich die spezifischen Ergebnisse in die thematische Synthese einbezogen, die sich für nicht-binäre Personen herausfiltern ließen. Was bei der Analyse schnell auffiel: Genau die distalen Stressoren, die im Minderheitenstressmodell als ursächlich für einen schlechteren psychischen Zustand gelten, begegnen nicht-binären Personen ebenso in der psychologischen Gesundheitsversorgung. Das bedeutet: Nicht-binäre Personen erleben in der psychologischen und psychiatrischen Versorgung spezifische Diskriminierungserfahrung. In der Forschung stellt dies bislang eine Leerstelle dar.
Diskriminierung von nicht-binären Personen durch die psychologische Gesundheitsversorgung
Barrieren vor Therapiebeginn
Bloß die Suche nach Hilfe zu beginnen, fällt vielen nicht-binären Personen aus verschiedenen Gründen schwer. Innere Faktoren spielen eine große Rolle: Internalisierte trans*-Feindlichkeit und auch die Angst vor Diskriminierungserfahrungen halten Personen davon ab, Kontakt zu therapeutischen Fachpersonen aufzunehmen. Eine befragte Person beschreibt diese Sorge folgendermaßen: „Als jemand, der genderfluid und nicht-binär ist, habe ich das Gefühl, dass man das mit meiner psychischen Gesundheit in Verbindung bringen und als psychische Erkrankung betrachten würde“ (Marks et al., 2025, S. 364).
Diese Sorge ist nicht unbegründet. Nicht-binäre Klient*innen berichten vermehrt von Mikroaggressionen im Erstgespräch oder einer Verweigerung der Behandlung aufgrund der Geschlechtsidentität durch Therapeut*innen. In einer Studie schildert eine teilnehmende Person, von einer Fachperson im Erstgespräch als „unhelpable“, also „nicht mehr zu helfen“, bezeichnet worden zu sein (Marks et al., 2025, S. 365). „Die größte Barriere ist es, eine Person zu finden, die mich respektiert“, fasst eine andere Person derselben Studie die Situation zusammen.
Zusätzlich stellen strukturelle Probleme eine Barriere zur Versorgung dar. Geschlechtsaffirmative Therapieangebote, also Angebote, in denen Personen in ihrer Identität unterstützt werden, sind selten. Dadurch kostet die Suche meist viel Zeit und Geld. Gleichzeitig ist oft zunächst unklar, ob eine gefundene Fachperson tatsächlich über die nötigen Kompetenzen verfügt. Immer wieder geben Therapeut*innen ein zu breites Fachgebiet an, ohne diesem gerecht zu werden. Insbesondere in den USA, aber mittlerweile auch in Deutschland, bleibt die Frage der Kostenübernahme oft ungeklärt. Häufig ist es unsicher, ob die Krankenversicherung eine passende Therapie übernimmt. Eine private Finanzierung ist für viele nicht möglich.
Eine Studie, die die Antwortraten von Therapeut*innen auf Anfragen für ein Erstgespräch per E-Mail untersuchte, fand, dass nicht-binäre Personen weniger wahrscheinlich eine Antwort erhalten als cis Personen. Besonders gering war die Antwortquote, wenn aus der Anfrage hervorging, dass eine Person eine nicht-binäre Person of Color ist (Fumarco et al., 2023).
Barrieren zur stationären psychiatrischen Versorgung
Auch in Hinblick auf die psychiatrische Behandlung ergeben sich ähnliche Probleme. In einer Studie von Boutilier et al. (2024) wurden Personen befragt, die bereits mindestens einen stationären Aufenthalt erlebt haben, was sie von einer erneuten stationären Behandlung abhalten würde.
Nicht-binäre Teilnehmende dieser Studie berichten besonders von Misstrauen gegenüber dem psychiatrischen Gesundheitssystem. Die Erfahrung zeigt vielen, dass das System nicht in ihrem Interesse handelt. So zum Beispiel, wenn sie in der Psychiatrie ihre Hormone nicht einnehmen dürfen. Auf der Station fehlt vielen das Gefühl von Sicherheit. Die Zimmerverteilung ist hier ein zentrales Problem, denn diese erfolgt in der Regel nach dem bei der Geburt zugewiesenen Geschlecht, nicht nach der Geschlechtsidentität. Hinzu kommen mangelnde Unterstützung durch Fachpersonen und fehlendes Wissen im Zusammenhang mit geschlechtsspezifischen Themen. Das Umfeld wird von vielen als feindselig beschrieben. Auch die Ähnlichkeit von Psychiatrien zu Haftanstalten wurde von vielen Personen bemerkt. Es fühlte sich so an, als wäre der psychiatrische Aufenthalt eine Strafe.
Insbesondere in den USA kann ein psychiatrischer Aufenthalt und die damit einhergehende Abwesenheit vom Arbeitsplatz zu einem Verlust der Krankenversicherung führen. Für viele Personen ist während des Aufenthalts nicht klar, ob die Finanzierung übernommen wird.
Mikroaggressionen in der Therapie
Nicht-binäre Klient*innen berichten davon, dass Psychotherapeut*innen während der Therapiesitzungen Mikroaggressionen ausüben. Über mehrere unabhängige Studien hinweg ist das eines der am häufigsten beschriebenen Probleme (Marks et al., 2025; Mezzalira et al., 2025; Santos et al., 2026; Snow et al., 2021; Velez et al., 2024). Mikroaggressionen sind Verletzungen und Abwertungen, die nicht immer offensichtlich sind und auch nicht unbedingt absichtlich stattfinden müssen. Sie sind dennoch verletzend und summieren sich.
Offensichtlichere Formen von Mikroaggressionen sind Misgendering (das Verwenden von falschen Pronomen) und Deadnaming (das Verwenden eines abgelegten Namens). Dies tun Therapeut*innen teils aus Versehen, in anderen Fällen jedoch auch nach Aufklärung absichtlich. Klient*innen berichten ebenso davon, dass Therapeut*innen ihre Geschlechtsidentität infrage stellen oder ihnen die freie Expression ihrer Identität absprechen.
Subtilere Formen von Mikroaggressionen sind zum Beispiel das Vermeiden von geschlechtsspezifischen Themen oder im Gegenzug ein Überbetonen dieser. Durch ein Vermeiden werden relevante Aspekte ausgelassen, durch ein Überbetonen werden wichtige Themen verdrängt. Auch das Auferlegen von Bildungslast durch Therapeut*innen ist eine weitere, oft beschriebene Mikroaggression. Zusätzlich schildern Klient*innen invasive Fragen, Exotisierung und Sexualisierung durch therapeutische Fachpersonen.
Cisnormative Therapieansätze
Es wird außerdem deutlich, dass allgemeingültige Therapieansätze die Lebensrealitäten von nicht-binären Personen oft nicht einbeziehen. Als Beispiel kann die Therapie von Essstörungen dienen. Bei einer Essstörung gibt es viele verschiedene aufrechterhaltende Faktoren. Bei cis Personen geht ein gestörtes Essverhalten oft mit einer Körperdysmorphie einher, also einem verzerrten Bild vom eigenen Körper mit einem überspitzten Fokus auf vermeintliche Mängel. Da diese Körperdysmorphie maßgeblich dazu beiträgt, die Störung aufrechtzuerhalten, wird in der Therapie genau damit gearbeitet, diese zu mildern. Essstörungen bei nicht-binären Personen werden oft durch geschlechtsdysphorische Symptome aufrechterhalten. Die Essstörung hat also die Funktion, das Erscheinungsbild in Einklang mit der Geschlechtsidentität zu bringen. So können sich beispielsweise Kurven durch starkes Abnehmen verkleinern oder die Periode kann ausbleiben. So fühlt sich der eigene Körper eventuell weniger „weiblich“ an. Goetz & Wolk (2023) fanden, dass die herkömmlichen Methoden bei der Behandlung einer Essstörung bei nicht-binären Personen oft unwirksam sind.
Es ist zu vermuten, dass auch bei anderen therapeutischen Leitlinien relevante geschlechtsspezifische aufrechterhaltende Faktoren der Störung nicht mitgedacht und somit nicht behandelt werden. So werden auch in der Behandlung von Alkoholkonsumstörungen geschlechtsspezifische Ursachen in etablierten Therapiekonzepten nicht einbezogen (Kidd et al., 2023a). Eine Therapie, die solche relevanten Faktoren nicht berücksichtigt, kann unwirksam sein und ihre Aufgabe der Linderung des Leidensdrucks nicht erfüllen.
Welche Folgen hat Diskriminierung in der psychologischen Versorgung?
Mit den geschilderten Diskriminierungserfahrungen gehen verschiedene oft weitreichende negative Folgen einher. Die Barrieren im Zugang zur Versorgung können dazu führen, dass Personen die Suche nach Unterstützung gar nicht erst beginnen oder eine Therapie frühzeitig abbrechen. Manche Personen bleiben bei Therapeut*innen, die nicht sensibilisiert sind im Hinblick auf geschlechtsspezifische Belange und/oder Mikroaggressionen ausüben, in der Hoffnung, dass diese trotzdem einen Weg zu medizinischen geschlechtsangleichenden Maßnahmen ermöglichen. Das ist jedoch nicht ohne Risiko. Belastende Erfahrungen in der Therapie können schwere psychologische Folgen hinterlassen. Ein unangepasster Behandlungsansatz in der Therapie kann dazu führen, dass die Therapie wirkungslos bleibt und der psychische Zustand sich nicht verbessert, sondern sich eventuell verschlechtert. Diese Erfahrungen wirken sich auch auf das innere Stigma und das Selbstwertgefühl aus. Einige nicht-binäre Personen berichten, nach negativen Begegnungen mit Therapeut*innen suizidal gewesen zu sein (Snow et al., 2021).
Wie die psychologische Versorgung Minderheitenstress reproduziert
Wie bereits angedeutet, zeigt sich im Zusammenhang mit dem Minderheitenstressmodell deutlich: Die Erlebnisse, von denen nicht-binäre Personen in der psychologischen Gesundheitsversorgung berichten, spiegeln genau die Stressoren wider, die erst ursächlich für den verschlechterten psychischen Gesundheitszustand sind. Beispielsweise können distale Stressoren wie binäre Geschlechtsannahmen, geschlechtsbezogene und identitätsbezogene Ablehnungen und die erfahrene Machtlosigkeit direkt durch die psychologische Versorgung erzeugt werden.
Wir wissen, dass sich diese Stressoren negativ auf den psychischen Gesundheitszustand auswirken und zusätzlich proximale Stressoren verstärken. Erhöhte proximale Stressoren, wie beispielsweise verinnerlichtes Stigma, führen nun dazu, dass Personen die Suche nach psychologischer Unterstützung gar nicht erst beginnen oder frühzeitig abbrechen. Es wird ein Teufelskreis deutlich: Nicht-binäre Personen erfahren durch die psychologische Gesundheitsversorgung dieselben Stressoren, die maßgeblich zu dem verschlechterten psychischen Gesundheitszustand beigetragen haben, der sie diese Versorgung erst aufsuchen lassen hat. Zusätzlich kann die Konfrontation mit Diskriminierung im Gesundheitssystem dazu führen, dass die Suche nach Hilfe abgebrochen wird.
Lösungsvorschläge und die Individualisierung eines strukturellen Problems
Setzt man sich mit Studien auseinander, die negative Erfahrungen von nicht-binären Personen in der psychologischen Versorgung erforschen, werden ähnliche Implikationen für die Praxis deutlich. Die analysierten Studien gehen davon aus, dass Mikroaggressionen auf das Unwissen der Therapeut*innen zurückzuführen sind, und empfehlen vor allem eines: Weiterbildungen zu geschlechtsspezifischen Themen verfügbar, wenn nicht sogar verpflichtend zu machen.
Während dies definitiv ein sinnvoller Teilschritt ist, verdeutlicht dieser Umgang eine ganz neue Problematik. Ein Aspekt struktureller Diskriminierung und professioneller Verantwortung wird plötzlich zu einem Problem individuellen Unwissens von Psychotherapeut*innen gemacht. Dies wird auch dann sichtbar, wenn man betrachtet, wie wissenschaftliche Autor*innen mit dem Begriff der Diskriminierung umgehen. In vielen Studien, die sich mit Diskriminierung in der Versorgung beschäftigen, taucht das Wort „Diskriminierung“ nicht auf. Das Ausüben von Mikroaggressionen wird eher als „Fehltritt“ bezeichnet oder als etwas, das in der Psychotherapie zwangsläufig geschieht. Zusätzlich wird in vielen Studien das Minderheitenstressmodell als Erklärung für den psychischen Gesundheitszustand eingeführt, eine Reproduktion durch das Versorgungssystem jedoch nicht bemerkt.
Aus den Ergebnissen geht zum einen also hervor, dass es für die psychologische Gesundheitsversorgung in der aktuellen Situation kaum möglich ist, dem Recht auf einen diskriminierungsfreien, gleichberechtigten Zugang nachzukommen. Auch eine wirkungsvolle Behandlung kann nicht garantiert werden, da aktuelle etablierte psychotherapeutische Modelle und Leitlinien von und für cis Personen gestaltet wurden. Zusätzlich wird Diskriminierung durch die psychologische Versorgung in der psychologischen Forschung selten als solche benannt oder strukturell verortet. Vorschläge zur Veränderung, die über eine individuelle Weiterbildung hinausgehen, bleiben die Ausnahme.
Was müsste sich ändern?
Individuelle Weiterbildung bleibt wichtig, sie kann jedoch nur ein Zwischenschritt sein. Wenn wir allein auf Fortbildung setzen, verlagern wir die Verantwortung für ein strukturelles Problem auf Einzelpersonen. Diese können sich dann freiwillig damit auseinandersetzen – oder lassen es eben bleiben. Ein anderer Anspruch wäre denkbar: Nicht jede therapeutische Fachperson muss und kann zu allen Lebensrealitäten spezialisiertes Wissen mitbringen. Trotzdem sollte jede therapeutische Fachperson in der Lage sein, mit verschiedenen Situationen verantwortungsbewusst umzugehen. Das bedeutet eben auch, eigene Grenzen zu erkennen und Patient*innen/Klient*innen im Zweifel an besser qualifizierte Kolleg*innen weiterzuvermitteln. Es wäre möglich, bereits im Studium eine Grundlage für geschlechtersensible Therapie zu schaffen: Angehende Therapeut*innen bräuchten von Anfang an ein klares Bewusstsein nicht bloß für das eigene fachliche Wissen, sondern auch für dessen Grenzen. Zusätzlich bräuchte es eine psychologische Profession, die sich selbst reflektiert. Psychotherapie sollte sich selbst kritisieren und kritisieren lassen. Ebenso wäre eine psychologische Forschung und Lehre wünschenswert, die insbesondere Perspektiven und Wissen aus der queeren Community einbezieht. Forschung sollte mit und durch die Community entstehen.
Schluss
Die Ergebnisse sind nicht uneingeschränkt auf den deutschen Raum anwendbar. Deutsche Studien, die sich mit diesem Thema auseinandersetzen, sind schlicht nicht ausreichend vorhanden. Angesichts der aktuellen Entwicklungen scheint dies jedoch umso relevanter. Dem bundesweiten queeren Jugendnetzwerk Lambda e.V. wurde die Bundesförderung ersatzlos gestrichen, queerfeindliche Angriffe haben zugenommen und die Wartezeiten für einen Therapieplatz als Kassenpatient*in betragen aktuell vier bis sechs Monate. Seit April 2026 wurden die Honorare für Psychotherapeut*innen mit Kassensitz gekürzt, weitere Einsparungen sind geplant. Bundesweit fehlt es an Masterplätzen für klinische Psychologie und Psychotherapie, und die Finanzierungsfrage der Weiterbildungen bleibt ungeklärt.
Trotz aller Umstände bleibt es umso wichtiger, für eine geschlechtersensible, diskriminierungskritische Psychotherapie einzutreten. „Die größte Barriere ist es, eine Person zu finden, die mich respektiert“, sollte keine Beschreibung des Zustands der psychotherapeutischen Versorgung von nicht-binären Personen bleiben dürfen.
Carlotta Behre
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