Im Suhrkamp-Verlag erschien soeben die deutsche Übersetzung von Foucaults unvollendetem Buch »Les hermaphrodites«, das letztes Jahr erstmals aus dem Nachlass publiziert wurde. Darin finden sich Ergebnisse einer breiten Recherche zu Fällen von Intergeschlechtlichkeit in ärztlicher Literatur, Gerichtsakten und anderen historischen Dokumenten aus dem 17. bis 19. Jahrhundert. Foucault interessierte sich für die Regimes, denen Menschen mit nicht eindeutig binären Geschlechtsmerkmalen unterworfen wurden. Er fand zwei unterschiedliche normative Rahmungen, die der „Medikalisierung“ der Intergeschlechtlichkeit vorausgingen. Es gab davor nicht nur das Regime der „Monstrosität“ der Hermaphroditen, sondern auch ein Regime der Undeutlichkeit des Geschlechts, das den Betroffenen Selbstbestimmung zuließ. Das Buch Foucaults ist auch deshalb wichtig, weil sich die Frage stellt: Welches Regime entsteht heute, nach der Medikalisierung? Dieser Blogbeitrag plädiert dafür, dass es ein Regime der Menschenrechte sein soll.
Das nun auch auf Deutsch vorgelegte Buch aus dem Nachlass von Michel Foucault Die Hermaphroditen ist ein Forschungsbericht. Im Zusammenhang mit seinen Studien zur Geschichte der Sexualität ist Foucault auf mehrere Fälle von Menschen mit uneindeutigem Geschlecht gestoßen. Diese Fälle interessierten ihn besonders, weil sich an ihnen zeigte, wie Gesellschaften nicht nur das sexuelle Verhalten, sondern auch die Geschlechtsidentität kontrollierten und einem Regime unterwarfen. Wie gingen Behörden und Medizin mit Menschen um, die nicht in das binäre Schema passten, weil ihre Geschlechtlichkeit uneindeutig war?
Das in boîte (dt.: Karton) 82 gefundene Manuskript besteht aus 117 getippten Blättern und muss aus der Zeit zwischen 1975 und 1978 stammen. Es sei schwer, genau zu datieren, schreibt Arianna Sforzini in ihrer ausgesprochen lesenswerten systematischen Einleitung. Der Text muss im Zusammenhang der Vorbereitungen zu dem vierbändigen Werk Sexualität und Wahrheit entstanden sein. Darin hat der Text nach verschiedenen Umstellungen in der Werkplanung letzten Endes doch keinen Platz gefunden. 2025 ist er erstmals unter dem Titel »Les hermaphrodites« in Paris bei Gallimard publiziert worden – mit dem Text von Sforzini und einem informativen werkgeschichtlichen Nachwort von Éric Fassin. Beide Kommentare sind nun auch in der deutschen Übersetzung von Andrea Hemminger enthalten.
Wie Foucault-Kenner:innen wissen, veröffentlichte Foucault in derselben Zeit (1978) auch den Lebensbericht von Herculine/Abel Barbin. Barbin (1838–1868) war eine intergeschlechtliche Person. Foucault publizierte dieses authentische Ego-Dokument zusammen mit einer Reihe von Dokumenten aus der Zeit oder kurz danach (Foucault 1998). Für die amerikanische Ausgabe des Barbin-Buches von 1980 schrieb Foucault einen neuen einleitenden Text, der dann sehr bekannt wurde, sich aber noch nicht in der französischen Ausgabe findet. Er trägt den Titel „Le vrai sexe“ („Das wahre Geschlecht“). Mit dem nun zugänglich gewordenen Langtext zum selben Thema werden die dort nur sehr knapp und gedrängt dargestellten Thesen viel besser verständlich. „Das wahre Geschlecht“ sollte den Fall Barbin einordnen, ist aber eigentlich eine Zusammenfassung von Die Hermaphroditen.
Regimes der Intergeschlechtlichkeit
Im Diskurs zwischen 1500 und 1900 kann Foucault unterschiedliche „Regimes“ der Intergeschlechtlichkeit unterscheiden. Damit meint er verschiedene Weisen, Intergeschlechtlichkeit zu verstehen, einzuordnen und gesellschaftlich zu regulieren: Das erste Regime erschien vor allem in juristischen Zusammenhängen, er nennt es das Regime der unentschiedenen Identität (l’identité indécise). Wenn ein Kind nicht einem der beiden typischen Geschlechter zugeordnet werden konnte, wurde ihm zugestanden, beim Erreichen der Volljährigkeit selbst zu entscheiden, in welchem Geschlecht es leben möchte. Bedingung war allerdings oft, dass die Person erstens danach nicht mehr wechselte und zweitens sexuelle Beziehungen nur mit Angehörigen des anderen Geschlechts einging. Sonst drohten Verurteilungen wegen Homosexualität (damals „Sodomie“ genannt), die unter Strafe stand.
Ein zweites Regime argumentierte nicht juristisch, sondern ontologisch oder theologisch. Die Verbindung von zwei als gegenteilig konzipierten Seinsprinzipien, des Männlichen und des Weiblichen innerhalb einer einzigen Person, erscheint darin als eine Verirrung der Natur, des Schöpfungsplans, als eine „Monstrosität“. Die Menschen, die beides in ihrem Körper vereinigten, wurden aus dem Feld der legitim möglichen Existenzweisen ausgeschlossen.
Wie Fallstudien zeigen, hat sich im Verlauf des 18. und vor allem des 19. Jahrhunderts eine neue Lesweise der Intergeschlechtlichkeit ergeben, in der die Medizin die Rolle übernommen hat, im Falle der Ambiguität bzw. Uneindeutigkeit von Geschlecht ein „wahres Geschlecht“ festzustellen. Intergeschlechtlichkeit wurde damals als Entwicklungsstörung kategorisiert. Falls es nämlich möglich war, bei den einzelnen Menschen hinter den Ambiguitäten ein dominantes Geschlecht zu ermitteln, das als das „wahre“ angenommen wurde, wurde die Person als „krank“ wahrgenommen und gleichzeitig dem binären System zugeordnet. Medizinische Hilfe konnte dabei helfen, mit dieser „Störung“ zu leben.
Ich sehe in der Medikalisierung ein drittes Regime, nämlich eine dritte soziale Ordnungsmöglichkeit von Geschlecht und Intergeschlechtlichkeit, in der die Uneindeutigkeit als „krankhafte Abweichung“ gerahmt wird, als eine „Störung der regulären Geschlechtsfunktionen“. Die Hermaphrodit:innen wurden zu Patient:innen. Erst im 20. Jahrhundert – Foucaults Studie bricht im 19. Jahrhundert ab – wurde es mit neuen chirurgischen Techniken und Hormonbehandlungen möglich, die Körper so zu modifizieren, dass sie ein gesellschaftlich akzeptables binäres Geschlecht erreichten. Dazu gehörte auch das viel kritisierte Optimal Gender Modell von John Money und seiner Johns Hopkins Gender Identity Clinic, welches seit den 1950er-Jahren die medizinische Praxis international beeinflusste.
Obwohl das vor etwa 50 Jahren entstandene Manuskript Foucaults von den begrifflichen Unterscheidungen der neueren feministischen Literatur und der Gender Studies noch weitgehend unbeeinflusst ist, wird deutlich, dass für Foucault die Binarität von zwei Geschlechtern eine gesellschaftlich hergestellte, machtförmig konstruierte Ordnungsstruktur darstellt. Menschen wurden ihr unterworfen und Gewalt ausgesetzt. Menschen, deren Körper „hermaphroditisch“ gedeutet wurden, konnten daran zerbrechen. Herculine/Abel Barbin beging 1868 Suizid.
Aber die Macht verkörperte sich nicht nur in den Disziplinierungsmaßnahmen, denen intergeschlechtliche Menschen ausgesetzt waren. Sie findet sich für Foucault schon im Regime der Geschlechterbinarität selbst. Das ist eine Analyse, die Foucault mit heutigem feministischen Denken verbindet. Die Sozialphilosophin Sally Haslanger beispielsweise beschreibt die binären Geschlechtsidentitäten (Gender) als Normen, die der Unterordnung der einen (Frauen) unter die anderen (Männer) folgen und in einer gerechten Gesellschaft – zumindest in dieser Form – aufgelöst werden müssten. Auch in Foucaults Darstellung der antiken Sexualmoral in den Bänden von Sexualität und Wahrheit macht der Autor deutlich, dass die von ihm untersuchten historischen Dokumente aus männlicher Perspektive geschrieben waren und eine Moral für Männer entwarfen. Sexualität ist somit ein Machtdispositiv – im doppelten Sinn der Disziplinierung und der Ermöglichung.
Ebenso ist auch die Ordnung der Geschlechtskategorien und geschlechtlichen „Identitäten“ ein Machtdispositiv. Die historischen Fälle, für die sich Foucault in dieser nun zugänglichen Schrift Die Hermaphroditen besonders interessierte, stellen deutliche Beispiele dar, an denen sich die in Geschlechterregimes wirksamen Mechanismen untersuchen lassen. Die Vorgänge um die sog. „Hermaphroditen“ sind historische und gesellschaftliche Phänomene, die erhellend sind für ein besseres Verständnis der diskursiven Mächte, welche Sexualität und Geschlecht umgeben und diese organisieren.
Als Leser wird mir deutlich, dass die Gewalt, die Menschen mit uneindeutigen Geschlechtsmerkmalen angetan wurde, nicht allein der Medizin angelastet werden kann. Es waren vielmehr auch juristische, religiöse und moralische Ordnungen, die sich zu einer Art medico-juridischem Komplex verbanden. Deshalb ist das Erscheinen dieses Werks – nach 50 Jahren Schlaf in boîte 82 des Foucault-Nachlasses – schon eine kleine Sensation, und zwar nicht nur für den Sonderforschungsbereich „Sexdiversity“(SFB 1665).
Was bewegt sich heute?
Es stellt sich die Frage, welches Regime der Intergeschlechtlichkeit sich gegenwärtig herausbildet (Garland & Mitchell 2003). Wie sich leicht feststellen lässt, spielt die Medizin sowohl in der gesellschaftlichen Wahrnehmung als auch in der Regulierung von Intergeschlechtlichkeit weiterhin eine dominante Rolle, indem die Kinder ärztlich untersucht und behandelt werden, medizinische Gutachten geschrieben werden und im Diagnosemanual der WHO (ICD-11) weiterhin der Begriff disorder verwendet wird. Gleichzeitig wird die Entscheidungsmacht der Medizin aber zunehmend zugunsten der Selbstbestimmung der betroffenen Personen eingeschränkt. Medizin kann zwar heute mehr (Operationen und Hormonbehandlungen werden besser), andererseits wird sie aber auch zurückhaltender, indem der Selbstbestimmung der intergeschlechtlichen Menschen zunehmend Raum gegeben werden soll. Dieses Prinzip ist in die neuen Richtlinien des European Reference Network on Rare Endocrine Conditions (Endo-ERN) von 2026 festgelegt. Die Frage, welches Regime auf die Medikalisierung folgt, hat eine analytisch-deskriptive und eine ethisch-normative Seite. Sie fragt zunächst, was de facto in der Gesellschaft geschieht, d.h. wie sich dieser Raum faktisch manifestiert und wo er weiterhin eingeschränkt bleibt. Diese Prozesse dokumentieren sich auch in den völkerrechtlichen Richtlinien des Europarats, die 2025 beschlossen wurden. Sie wären kaum für notwendig erachtet worden, wenn in der gesellschaftlichen Wirklichkeit die Selbstbestimmungs- und Mitwirkungsrechte der intergeschlechtlichen Menschen bereits hinreichend respektiert wären.
Die Frage, welches Regime der Intergeschlechtlichkeit sich herausbildet, fordert außerdem dazu auf, normativ Stellung zu beziehen. Ich plädiere dafür, neue Regimes unter dem Gesichtspunkt der Menschenrechte zu sehen und zu beurteilen. Es kommt darauf an, wie die gesellschaftliche Wirklichkeit beschaffen ist, in der sich nicht nur intergeschlechtliche Menschen finden, Menschen mit einer Diagnose von Differences of Sex Development (DSD), sondern letztlich wir alle. Ist sie in der Lage, plurale Formen von Körperlichkeit zuzulassen und zu wertschätzen? Ist sie von einer corporeal generosity (dt.: körperliche Großzügigkeit) getragen, wie es die Ethikerin Eva Feder treffend ausdrückte (Feder 2014)?
Was wir von den historischen Fallbeschreibungen Foucaults lernen können, ist dies: Es ist wichtig, Geschlecht zu de-essentialisieren, d.h. dem Geschlecht nicht mehr die Rolle eines den Menschen insgesamt bestimmenden Prinzips zu geben. Menschen brauchen die Möglichkeit, ihren Ort in einem großzügigen, nicht exklusiv-binär organisierten Spektrum geschlechtlicher Existenzweisen zu finden.
Christoph Rehmann-Sutter
Literatur
Michel Foucault: Herculine Barbin, dite Alexina B., Paris: Gallimard 1978; Deutsch: Über Hermaphrodismus. Der Fall Barbin, Frankfurt a.M.: Suhrkamp 1998.
Fae Garland, Mitchell Travis: Intersex Embodiment. Legal Frameworks beyond Identity and Disorder, Bristol: Bristol University Press 2023.
Eva Feder: Making Sense of Intersex. Changing Ethical Perspectives in Biomedicine, Indianapolis: Indiana University Press 2014.